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Lift basiert auf der Technik der Magnetbahn Transrapid

In einem futuristischen Turm testet thyssenkrupp Elevator den Aufzug der Zukunft

In Rottweil arbeitet thyssenkrupp an der Neuerfindung des Aufzugs: In dieser „Multi“ getauften Weltneuheit fließen zwei geniale Techniken zusammen: die der am Ende glücklosen Magnetbahn Transrapid – und die des guten, alten Paternosters.

Hoch hinaus: Der Aufzugsschacht des „Multi“ misst 140 Meter. Noch fehlt auf dem Gestell die Kabine. Foto: Roth

Hoch hinaus: Der Aufzugsschacht des „Multi“ misst 140 Meter. Noch fehlt auf dem Gestell die Kabine. Foto: Roth

Steuert alles per Notebook: ­Ingenieur Martin Fetzer gehört zum 25-köpfigen Testteam von thyssenkrupp Elevator in Rottweil. Foto: Roth

Steuert alles per Notebook: ­Ingenieur Martin Fetzer gehört zum 25-köpfigen Testteam von thyssenkrupp Elevator in Rottweil. Foto: Roth

Bedienung per Touchscreen: So könnte die Kabine des Multi ausssehen. Foto: Roth

Bedienung per Touchscreen: So könnte die Kabine des Multi ausssehen. Foto: Roth

Futuristisches Design: Der Testturm in Rottweil scheint sich in den Himmel zu schrauben. Foto: Roth

Futuristisches Design: Der Testturm in Rottweil scheint sich in den Himmel zu schrauben. Foto: Roth

Rottweil. Der Turm ist gigantisch. Mit seiner gewundenen Textilfassade, die die Betonkonstruktion futuristisch veredelt, schraubt er sich in den Himmel – um die Hälfte höher als der Kölner Dom. Er ist das neue Wahrzeichen von Rottweil, zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald. Von der Aussichtsplattform, der höchsten Deutschlands, sieht man bei klarer Sicht sogar die Alpen. Doch das eigentlich Spektakuläre des 246-Meter-Riesen erschließt sich ausgerechnet im Erdgeschoss.

Dort blickt man in einen mächtigen Betonschacht: 30 Meter nach unten und 110 Meter nach oben. Und trifft auf Martin Fetzer, der lässig auf seinem Notebook tippt. Daraufhin bewegt sich ein silbergraues Gestell. „Die Aufzugskabine fehlt noch – so kommen wir besser an die Technik“, erklärt der Ingenieur, während das Gestell emporfährt.

Fahren? Es schwebt! Denn dieser Aufzug hat kein Seil! Stattdessen treiben ihn andere Kräfte an, mit ordentlich Tempo, fast 22 Stundenkilometer.


Gut 160 Jahre nach der Erfindung revolutioniert thyssenkrupp den Aufzug

In Rottweil, der ältesten Stadt Baden-Württembergs, arbeitet thyssenkrupp an der Neuerfindung des Personenaufzugs, dessen Urahn vor rund 160 Jahren Weltpremiere feierte. Betreiber des Testzentrums ist die KonzernTochter thyssenkrupp Elevator, einer der Marktführer bei Aufzügen.

Ingenieur Fetzer gehört zu dem 25-köpfigen Team, das den Wunder-Lift ausgiebig testet. In dieser „Multi“ getauften Weltneuheit fließen zwei geniale Techniken zusammen: die der am Ende glücklosen Magnetschwebebahn Transrapid – und die des guten, alten Paternosters. Clou: Die Kabinen können sich dank der Magnetkraft frei bewegen – und gleiten wie beim Paternoster in einem Schacht hoch und in dem anderen wieder runter. Im Ergebnis können gleich mehrere Kabinen im Schacht verkehren.

Bis 2020 will das Unternehmen die Zulassung des Multi unter Dach und Fach haben

Sogar zur Seite hin: Dafür sind im Testschacht vier „Exchanger“ eingebaut, bei denen die Kabinen die Richtung wechseln. Fetzer zückt sein Notebook, ein fettes Rad hinter dem Gestell dreht sich, ein leichtes Klack – tatsächlich geht es jetzt seitwärts weiter.

Und die Kabine? Acht Leute soll sie fassen, das steht für die Ingenieure schon fest. Natürlich soll sie stylish aussehen – eine Designstudie in der Eingangshalle vermittelt einen ersten Eindruck. Bis 2020 will das Unternehmen die Zulassung des Multi unter Dach und Fach haben. Und schon ein Jahr später, so der Plan, wird der Aufzug erstmals zum Einsatz kommen, im dann fertiggestellten East Side Tower, einem 140 Meter hohen Büroturm in Berlin.

Derweil gibt Fetzer dem Gestell erneut Befehle. Es saust los – und bleibt abrupt stehen. Uups! Der Mann murmelt etwas von einem „Kommunikationsproblem zwischen Schacht und Gestell“, tippt herum – und nach ein paar Minuten geht die Fahrt weiter. „Wir testen halt noch“, grinst er, seine Miene hat sich wieder aufgehellt. „Der Stopp war absolut okay. Er zeigt: Unser Sicherheitssystem funktioniert!“

Es verfügt neben den bei allen Fahrstühlen üblichen Fangarmen auch über ein ausgeklügeltes Bremssystem. Das auch zupackt, wenn der Strom ausfällt – dann springen an den Kabinen befestigte Batterien ein.

Für die immer höheren und kühneren Wolkenkratzer in aller Welt, so Fetzer, sei der Multi einfach genial. Weil in einem Schacht mehr als nur eine Kabine rauf- und runterfahren kann, erhöht das die Kapazität erheblich. Damit lassen sich in der gleichen Zeit rund 50 Prozent mehr Menschen bewegen als mit konventioneller Seil-Technik. Es soll nach höchstens einer halben Minute ein Lift bereitstehen? Er soll nicht zwangsläufig auf jedem Stock halten, damit nicht so viel Zeit fürs Ein- und Aussteigen verloren geht? Alles kein Problem!

Hinzu kommt: Die heutigen Systeme brauchen viel Platz. So gehen beim One World Trade Center in New York, dem höchsten Gebäude der USA, 40 Prozent der Grundfläche für Aufzüge und Korridore drauf. Statt für noch mehr Büros. Nicht gerade wirtschaftlich.

Klassische Systeme stoßen an ihre Grenzen

Mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung, so die gängigen Prognosen, werden im Jahr 2050 in Städten wohnen; 1990 waren es erst 42 Prozent. In China dürften bis dahin Metropolen mit rund 100 Millionen Menschen heranwachsen. Ein Riesenpotenzial also für Aufzüge.

Und eine immer größere technische Herausforderung. Denn moderne Wolkenkratzer erreichen schwindelerregende Höhen. In zwei Jahren soll der Jeddah Tower in Saudi-Arabien eröffnet werden, mit 167 Etagen wird er die 1.000-Meter-Marke kratzen: ein 1.007 Meter hohes Haus – Weltrekord.

Mit konventioneller Technik kann kein Fahrstuhl die Menschen in einem Stück zur Spitze eines solchen Giganten bringen. „Die Tragseile würden so stark schwingen, dass sie am Schacht anschlagen“, sagt Fetzer. Zudem bräuchte man dafür extrem reißfeste Seile. Aber der Multi aus Rottweil kann das Problem lösen. So würde die Technik des Transrapid doch noch groß rauskommen.

Zunächst aber macht das Testzentrum noch Schlagzeilen ganz anderer Art. Am 16. September stürmen Hunderte Menschen den Turm, um zur Aussichtsplattform zu gelangen: Nicht mit dem klassischen Panorama-Aufzug im Turm, der in 40 Sekunden oben ist – sondern zu Fuß! Beim höchsten Turmlauf Westeuropas haben die Sportler 1.390 Stufen zu bewältigen.

So funktioniert die Weltneuheit

  • Der neue Aufzug kommt ohne Seil aus, mit dem sich konventionelle Lifte nach oben und unten bewegen. Stattdessen treiben ihn Magnetfelder an.
  • Im Schacht sind Hunderte individuell ansteuerbare Kupferspulen in einer Linie angeordnet, während an der Kabine ein großer Permanentmagnet montiert ist.
  • Werden die Spulen nacheinander unter Strom gesetzt, entsteht ein wanderndes Magnetfeld, die Kabine fährt los.
  • Da sie sich frei bewegen kann, sind auch Fahrten zur Seite oder schräg nach oben möglich.

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