WM-Pfeifen

In aller Munde


Eine Sauerländer Firma liefert Pfeifen in die ganze Welt

Nachrodt-Wiblinwerde. Das muss man sich mal reinpfeifen: Ein verunsicherter Lokführer weiß nicht so recht, ob er losfahren soll; ein überforderter WM-Schiedsrichter rennt über den Platz und brüllt: „Halt! Das war ein Foul“ – und Gewerkschafter, die gerade gegen die Sparpolitik der Regierung protestieren, schreien sich die Lungen aus dem Hals.

So könnte es aussehen: ein Leben ohne die Pfeife!

Das kleine Utensil, das die Welt in den Fugen hält, stammt aus einer Hinterhof-Fabrik im sauerländischen Nachrodt-Wiblinwerde. Die Firma MBZ Obernahmer führt die 1923 gegründete Pfeifenmarke „Lübold von der Crone“ weiter. Und produziert für die nonverbale Kommunikation weltweit.

In Großbritannien pfeifen Bobbys auf dem Sauerländer Fabrikat, in Afghanistan Polizeiausbilder, in etlichen Ländern ist es das Arbeitsgerät der Schiedsrichter.

Auf Heinz Liebold stürzen sich dieser Tage die Medien.  Der Abteilungsleiter, verantwortlich für das Pfeifengeschäft, ist der Held in Pressemeldungen, Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen. Die Journalisten geben sich in dem „kleinen sozialistischen Betrieb“, wie der Sachse seinen Arbeitsplatz nennt, die Klinke in die Hand. Allen zeigt er die Stanzen aus dem frühen 20. Jahrhundert. „Damit stellen wir jede Messingpfeife per Hand her“, so der 51-Jährige. 

Dass die sieben Angestellten dort unter anderem Rosen- bögen für Gartenfreunde und Halterungen von Satelliten fertigen, scheint nebensächlich. Etwa die Hälfte des Umsatzes macht die Firma mit Pfeifen. Das sollen in diesem Jahr rund 300.000 Euro sein, schätzt Liebold.

Ein schriller Cis-Ton auf dem Fußballfeld

70 verschiedene Pfeifen hat MBZ-Obernahmer im Sortiment. Neben den Pfeifen aus Metall verkauft die Firma  auch welche aus Plastik. Die Rohlinge dafür liefert eine Kunststoffspritzerei. Die Partei „Die Linke“ zum Beispiel lässt sich die Garantie auf akustische Signalwirkung richtig was kosten. Gerade hat sie zum zweiten Mal 20.000 der Röhrchen bestellt. Natürlich in Rot.

Die Pfeifen kosten 2,30 Euro, Schiedsrichter-Pfeifen mindestens das Dreifache. „Titanic“ heißt eine davon. Nachdem das Kreuzfahrtschiff 1912 gesunken war, durfte das Instrument mit dem Cis-Ton nie wieder offiziell auf einem britischen Schiff verwendet werden. Lübold von der Crone übernahm das Patent und verkaufte sie ausgerechnet an das Schiff Wilhelm Gustloff. 1945 sank es, von einem sowjetischen Torpedo getroffen, mit Tausenden Flüchtlingen an Bord. Heinz Liebold hält die Hände hoch, sagt lakonisch:  „Uns trifft keine Schuld.“

Ein Cis entströmt auch dem Modell „Argentina ‘78“. Auf das wird zurzeit besonders gehört: Gleich mehrere WM-Schiedsrichter pfeifen damit Spiele in Südafrika.

Tina Schilp

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