Lebenslanges Lernen

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Warum Gewebe-Spezialist Delcotex flexibel einsetzbare Mitarbeiter braucht – und was er dafür tut

Stefan Leserri wunderte sich: Immer mal wieder stand am Wochenende eine Webmaschine still. Nur, weil niemand in der Halle war, der am Ende einer Webkette die nächste anknoten konnte. Die einfache Lösung: Leserri ließ sich den für ihn ganz neuen Prozess beibringen. „Ich wollte das lernen“, sagt der Textil-Produktionsmechaniker. Längst knotet er nun selbst, wenn es nötig ist – Stillstand war gestern.

Stark schwankende Nachfrage

Durch engagiertes Mitdenken und flexiblen Einsatz die Produktivität erhöhen: Das erwartet Leserris Arbeitgeber, die Bielefelder Firma Delcotex, von ihren 130 Mitarbeitern. Und der Spezialist für technische Gewebe macht die Belegschaft dafür fit. Zum Beispiel mit abteilungsübergreifenden Schulungen, in denen ein externer Trainer bei der Suche nach Verbesserungen hilft. „Wir bemühen uns, unsere Leute problembewusst weiterzubilden“, so Delcotex-Chef Stefan Wittenborn.

Wer mehr wisse, der könne zum Beispiel auch mal für eine Weile die Abteilung wechseln – je nach Auftragslage: „Wir brauchen diese Flexibilität, um auf immer stärkere Nachfrage-Schwankungen bei vielen Produkten reagieren zu können.“

Die Delcotex-Ware, insgesamt mehr als 25 Millionen Quadratmeter jährlich, landet in Dutzenden von ganz verschiedenen Endprodukten. Etwa in Dachbahnen und Silos, Zelten oder Taschen, Fallschirmen und Flugzeugen. Zunehmend aber auch in Dingen, bei denen niemand an eine textile Herkunft denkt!

Wittenborn zeigt eine Airbag-Klappe aus Kunststoff, wie sie im Armaturenbrett unserer Autos zu finden ist. Bei einem Unfall muss sich so eine Klappe blitzschnell öffnen – sie darf uns aber nicht ins Gesicht knallen oder zersplittert umherfliegen. Dafür sorgt ein textiles Scharnier: „Dieses gewebte Gitter kann einfach während des Spritzguss-Prozesses in die Klappe eingebettet werden.“

Von Audi und BMW bis zu Opel und VW – das neue Delcotex-Bauteil ist schon in einigen Modellen zu finden. Ganz ähnlich lässt sich auch ein Cabrio-Klappdach fertigen.

Einblick in die Produktionslage

Umso mehr merkt es dann auch Delcotex, wenn die Autobranche kriselt. Aber wie stark? Und sind Rucksack-Stoffe gerade mehr gefragt als Förderbänder oder Dachdichtungsfolien?

Für die Mitarbeiter an den Maschinen soll das kein Geheimnis sein: „Wir sind kennzahlengesteuert bis in die Produktion“, sagt Personalleiter Dieter Wittland, „der Mitarbeiter kann aus der Betriebsdatenerfassung erkennen, ob es gut läuft.“

Neue Maschinen trotz Umsatz-Minus

Sein Credo: Die Belegschaft soll wissen, warum die Firma etwas tut. Dann wachse das Verständnis – auch für unangenehme Dinge wie die aktuell nötige Kurzarbeit.

„15 Prozent Umsatz-Minus“ erwartet Geschäftsführer Wittenborn für 2009. Ein Siebtel weniger Geschäft – und trotzdem alle Arbeitsplätze erhalten? „Für ein Unternehmen, das keine Zeitarbeiter hat, ist das schon eine sportliche Aufgabe“, weiß der Chef.

Der Herausforderung stellt sich die Firma: Dank ordentlicher Eigenkapitalquote kann trotz Krise investiert werden. Allein die neue Schäranlage hat knapp 1 Million Euro gekostet. Junior-Produktionsleiter Matthias Brockmeier ist begeistert: „Bis zu 720 Fäden, die einzeln gesteuert werden können – das ist bei technischen Geweben wohl weltweit einmalig.“

Brockmeier war einst Azubi bei der traditionsreichen Mutterfirma Delius, lange bevor diese 2003 für ihre TechtextilSpezialitäten die Tochter Delcotex ins Leben rief. Solch hausgemachte Fachkräfte sind die Regel: „Fast jeder, der hier arbeitet, ist hier ausgebildet worden“, so Wittenborn. Was er daher mit Sorge sieht: „Es gibt zu wenig Bewerber für unsere technischen Ausbildungsplätze.“

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