Erfinder

Im Rolli hinterm Steuer


Fahren per Joystick: Ein Schwabe rüstet Autos für Behinderte um

Pfronstetten. Behindert – na und? Moderne Technik macht einiges möglich. Menschen ohne Beine laufen Marathon. Leute ohne Hände essen mit Messer und Gabel. Und Schwer- behinderte fahren Auto.

Letzteres ist nicht zuletzt einem schwäbischen Tüftler zu verdanken, der ein Umrüst-System für Fahrzeuge erfunden hat: Behinderte fahren mit ihrem Rollstuhl über eine Rampe hinters Steuer. Und bedienen den Wagen komplett per Joystick! Der wird über eine einfache Steckverbindung angeschlossen.

Der Erfinder heißt Roland Arnold, und er kommt weder aus der Wissenschaft noch aus der Forschung: Früher hielt sich der halbwaise Bauernsohn mit einer Hinterhof-Werkstatt über Wasser. Heute hat der gelernte Kfz-Mechaniker in Pfronstetten-Aichelau auf der schwäbischen Alb rund 80 Mitarbeiter. Und Aufträge aus aller Welt. 

 

„Wir sind total Risiko gefahren“

Die Karriere seiner Firma begann mit einem Schlüssel­erlebnis: 1997 half Arnold einer Frau, ihren gelähmten Mann ins Auto zu hieven. Sie hatte ihn nicht halten können, er war auf den Asphalt gefallen. „Das hat mich beschäftigt“, erzählt Arnold. „Ich habe recherchiert und Behinderte gefragt, welche Lösungen sie bräuchten.“

Das erste Fahrzeug rüstete er mit ein paar Mitstreitern in seiner Garage um. „Wir sind total Risiko gefahren“, sagt er. „Und hatten wenig Ahnung. Wir wussten nur, dass wir uns genau an den Bedürfnissen der Kunden orientieren müssen.“

Heute schneidert Paravan in dem 300-Seelen-Nest pro Jahr rund 500 Autos auf ihre Fahrer zu. Bezahlt werden diese meist von Berufsgenossenschaften und Versicherungen. Da gibt es den beinamputierten Weinbauer, der mit seinem umgebauten Traktor wieder arbeiten kann. Oder die Französin ohne Arme: „Sie bedient den Joystick mit den Zehen“, erklärt Tobias Schönleber, der Marketingleiter der Firma.

Er hat große Visionen: Das Joystick-System sei auch für andere Anwendungen denkbar. Weil sich Fahrzeuge damit auch fernsteuern lassen. Perfekt für Gefährte, die besser ohne Fahrer losgeschickt werden – etwa Minenräumfahrzeuge.

Anna Cremer holt gerade ihr erstes eigenes Auto ab. Die an­gehende Studentin sitzt we­gen einer „progressiven spinalen Muskelatrophie“ im Rollstuhl.

Mit diesem ist sie soeben hinters Steuer gefahren.Und strahlt aus dem Fenster, als hätte sie einen dicken Sechser im Lotto. „Ein tolles Gefühl!“, sagt sie. „Zur Uni müsste ich sonst mit dem Behindertentransport.“

Vor zwei Jahren hat die junge Frau aus Bergheim bei Köln ihren Führerschein gemacht. Auch mit einem Wagen von Paravan: Die Firma arbeitet mit einer Fahrschule zusammen.

 

Der Betrieb wächst und wächst Gründer Arnold, der schon einige Innovationspreise bekam, hat noch viel mehr Pläne. Derzeit sucht er Lizenznehmer, will den Vertrieb ausbauen. Indes wächst die Zentrale weiter. Arnold deutet aus dem Fenster: „Dort drüben bauen wir gerade unsere dritte Produktionshalle.“

Barbara Auer

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