Technik

Im Öl-Dorado


Kanada nutzt Ölsand als Energiereserve – bayerische Firmen liefern die Technik

München/Alberta. Länger als acht Monate halten sie nicht: die Pumpen aus Selb, die die Firma Netzsch im kanadischen Alberta einsetzt. Denn das Schweröl, das sie an die Oberfläche bringen, enthält noch viel Sand – das setzt den Pumpen enorm zu.

Das oberfränkische Familienunternehmen liefert seit zehn Jahren Spezialpumpen in die kanadische Wildnis. Hier liegen 60 Prozent der weltweiten Ölsand-Reserven.

Abbau lohnt ab einem Ölpreis von 60 Dollar

Die anzuzapfen, schreckt die Ölfirmen nicht mehr, trotz großen Aufwands und hoher Kosten. Der Grund: stetig steigende Ölpreise. Ab einem Marktpreis von ungefähr 60 Dollar für das 159-Liter-Fass machen die Energiekonzerne Gewinn. Ein lukratives Geschäft, bei einem aktuellen Weltmarktpreis von mehr als 100 Dollar.

Dabei ist bayerische Spezialtechnik gefragt: neben Pumpen auch Anlagen- und Verfahrenstechnik. „Hohe Qualität ist die Grundvoraussetzung, um auf dem Markt bestehen zu können“, erklärt etwa Jörg Eitler, Vertriebsleiter bei Netzsch, dem nach eigenen Angaben europäischen Marktführer für sogenannte Exzenterschneckenpumpen im Downhole-Bereich.

Arbeitskräfte sind rar in der boomenden Wirtschaftsregion Alberta. Deshalb müssen die Pumpen möglichst lange und wartungsfrei laufen. Gar nicht so einfach bei den extremen Wetterbedingungen. „Da hilft es, wenn man wie wir auf die Erfahrung von 1.000 gelieferten Pumpen in Russland und Kasachstan zurückgreifen kann“, sagt Eitler.

Von „Goldgräberstimmung“ in Alberta spricht Sebastian Busch, der Geschäftsführer der Firma Prüftechnik in Ismaning. Das Unternehmen gehört zu den deutschen Pionieren im Ölsand-Geschäft und liefert schon seit 20 Jahren Geräte zur Schwingungsmessung, mit denen die Ölfördermaschinen überwacht werden.

„Mehr Beschäftigung in Bayern“

Auch der nach eigenen Angaben Weltmarktführer für Industriegase, die Münchner Linde Group, profitiert. „Je mehr Öl gefördert werden soll, desto mehr Wasserstoff brauchen unsere Kunden, um aus dem Bitumen synthetisches Leichtöl zu machen“, freut sich Thomas Haberle, Manager Business Development für Wasserstoff und Synthesegasanlagen bei Linde.

Was bringt all das den Arbeitnehmern in Bayern? „Mehr Beschäftigung“, erklärt Stefan Schwank, Leiter der Mining Division in der Bauer Resources GmbH. Seit zwei Jahren ist der Konzern im Ölsand-Geschäft. Das oberbayerische Unternehmen liefert Spezialmaschinen für die Gründungsarbeiten von Raffinerien. „Die haben wir alle bei uns in Schrobenhausen produziert“, sagt Schwank.

Einig sind sich die bayerischen Spezialisten vor allem in einem Punkt: Wer in Kanada etwas verkaufen will, der muss einen Ansprechpartner vor Ort bieten. Auf großes Interesse bei den Unternehmen sind deshalb drei Workshops der „vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft“ gestoßen. Das Ziel: Kontakte mit kanadischen Partnerfirmen zu erleichtern.

Anschließend geht es darum, den Ansprechpartnern den Nutzen des Produkts zu erklären. Michael Koolman, Manager bei Siemens im Bereich „Energy“ in Erlangen, erzählt: „Da muss man die Ärmel hochkrempeln und zeigen, was es bringt, und was es kostet.“

Viel zu tun für Umwelt-Spezialisten

Die weltweite Erfahrung mit Pipeline-Pumpen, die das Rohöl zu den Raffinerien befördern, hat dem fränkischen Unternehmen Leistritz Pumpen GmbH den Weg nach Kanada geebnet. Im Sommer werden die ersten Schraubenspindelpumpen nach Alberta geliefert. Vertriebsleiter Hans-Jürgen Schöner ist überzeugt: „Referenzen für ähnliche Projekte und ein guter Name spielen eine große Rolle.“

Chancen liegen in der Umwelttechnologie. Die Ölsand-Gewinnung gilt wegen des hohen Ausstoßes an Schadstoffen bei Abbau und Aufbereitung als ein Haupterzeuger von Treibhausgasen in Kanada. Auch sind riesige Mengen Wasser nötig, um das Öl vom Sand abzuscheiden. Übrig bleiben Ölseen und giftiger Schwefel: Jede Menge zu tun für Spezialfirmen.

 

Ölsand: Energie für 100 Jahre

Er macht Kanada zur Nummer zwei nach den Saudis

Die größten wirtschaftlich nutzbaren Ölsand-Reserven der Welt liegen im Herzen Kanadas, in der Provinz Alberta. Aber der kostbare Rohstoff sprudelt nicht aus einer Quelle wie in Arabien. Denn Ölsand ist eine klebrige Masse, die aussieht wie ein Stück geschmolzener Teer von der Straße – und auch so riecht.

Doch in dieses Gemisch aus Sand, Wasser und Bitumen, eine schwere Ölart, setzen die Energiekonzerne große Hoffnungen: Mit der aus Ölsand gewonnenen Sorte „Synthetic Crude Oil“ ließe sich der derzeitige weltweite Erdölbedarf für  weitere 100  Jahre sichern.

Allein in diesem Jahr wollen die Ölmultis deshalb 12 Milliarden Euro nach Alberta fließen lassen, um die Ölgewinnung auszubauen.

Im Gegensatz zum Abbau über Tage, bei dem Riesenbagger und Monstertrucks den Ölsand abtransportieren, bleibt beim „in situ-Verfahren“ (lateinisch für „an Ort und Stelle“) der Ölsand in tiefer liegenden Schichten, wo er ist.

Das Bitumen wird dort durch Erhitzen fließfähig gemacht und aus 800 bis 1.200 Metern Tiefe abgepumpt. Um ein Barrel Rohöl zu erhalten, müssen zwei Tonnen Ölsand gereinigt werden.

Förderung steigt rasant

Bereits heute werden in Alberta täglich rund eine Million Barrel Öl aus den Ölsanden gewonnen. Im Jahr 2015 sollen es bereits 2,8 Millionen Barrel sein.

Kanada liegt auf Platz zwei der zehn ölreichsten Länder, direkt hinter Saudi-Arabien – was vor allem an den riesigen Ölsand-Reserven liegt, die mehr als 170 Milliarden Barrel Erdöl binden. Hier liegt Kanada weltweit mit großem Vorsprung vorn, vor dem zweitplatzierten Kasachstan (siehe Grafik).

 

Interview

„Das können nicht viele“

Auch bayerische Unternehmen können im Geschäft mit kanadischem Ölsand erfolgreich sein, sagt Professor Wolfgang Arlt von der Universität Erlangen-Nürnberg.

AKTIV: Womit punkten Firmen aus Bayern im Ölsand-Geschäft?

Arlt: Wir sind stark in der Verfahrenstechnik, kennen uns mit Raffinerien und hohen Druckverhältnissen aus. Und: Wir haben Unternehmen mit dem Ruf, auch milliardenschwere Projekte verlässlich zu verwirklichen. So viele Firmen, die das weltweit können, gibt es nicht.

AKTIV: Was sind die Schwierigkeiten bei der Ölsand-Gewinnung?

Arlt:  Um den Ölsand aufzubereiten, wird Wasser hinzugegeben, sodass vier Bestandteile – Öl, Wasser, Sand und Luft – vorhanden sind. Eine Herausforderung für einen Verfahrenstechniker oder Pumpenhersteller.

AKTIV: Wo bieten sich konkret Möglichkeiten?

Arlt: Das Klima in Alberta ist extrem: zwischen minus 40 und plus 35 Grad. Deshalb wird dort alles an Technologie gebraucht, was bei diesen Temperaturen noch zuverlässig funktioniert. Und wir müssen neue Wege suchen, um mit weniger Energie und Wasser den Teersand aus der Erde zu bekommen und zugleich die Umwelt zu schonen. Da gibt es enormen Bedarf.

AKTIV: Wie stark ist die internationale Konkurrenz?

Arlt:  Es sind in Kanada tatsächlich alle vertreten, die bei der Ölförderung Rang und Namen haben. Dort liegt eben ein noch ungehobener Schatz. Zum Teil wird aber mit Dinosaurier-Technologie von vorgestern gearbeitet. Das ist die Chance für bayerische Firmen.

Texte: Miriam Zerbel

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