Wo steckt bei uns noch Potenzial?

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel setzen Firmen auf betriebliche Weiterbildung


Wenn neue Leute schwer zu finden sind, werden altgediente Kollegen noch wichtiger

Ludwigsfelde/Berlin. Mindestens einmal am Tag zieht es Carmen Kansok ins Presswerk: „Im Büro fehlt mir dieser Geruch nach Metall und Öl“, sagt die Personalleiterin der GMF Umformtechnik freimütig. Früher hat die gelernte Werkzeugmacherin hier in der Halle selbst Presswerkzeuge konstruiert – nun muss sie sich darum kümmern, dass ausreichend Kollegen für die Arbeit da sind. Und das ist im brandenburgischen Ludwigsfelde kein einfacher Job!

Zwar ist die Auftragslage prima: Das Werk mit gut 350 Mitarbeitern fertigt für große deutsche Auto-Hersteller. Türen, Klappen, Stoßfänger, Strukturteile und so fort. Gute Kunden, steigender Umsatz, modernste Technik – und trotzdem funktioniert es mit der Personalgewinnung nicht mehr so wie früher. Umso wichtiger wird es, in der Belegschaft noch vorhandenes Potenzial zu wecken.

Grundlegende Analyse der Belegschaft

Überall in der Region sind gut ausgebildete Leute rar, viele in den Westen abgewandert. Die Zahl der Schulabsolventen sinkt rapide. „Und die zuständige Agentur für Arbeit wirbt nicht für den Werkzeugmacher-Beruf, obwohl wir immer wieder auf unseren Bedarf hinweisen“, ärgert sich Kansok.

Je schwieriger es wird, neue Mitarbeiter zu finden, desto mehr rücken Kollegen, in denen vielleicht mehr steckt, als sie selbst ahnen, in den Fokus.
Auch deshalb trifft sich Kansok an diesem Tag mit Jutta Wiedemann, die für den Verband der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg als Beraterin unterwegs ist. Knapp 40 Betriebe nutzen schon den Service des Verbandsprojekts „Fachkräftesicherung durch betriebliche Weiterbildung“.

Worum es geht, erklärt Wiedemann so: „Wir unterstützen die Firmen bei der grundlegenden Analyse des vorhandenen Personals.“ Mit einem selbst entwickelten Auswertungstool „wird die Alters- und Fachkräftestruktur erfasst und auf die nächsten Jahre hochgerechnet – zunächst ohne Neueinstellungen“, so Wiedemann. Dadurch werden der Bedarf und auch die Handlungsoptionen deutlich.

Zum Beispiel sind bei GMF in Ludwigsfelde 70 Prozent der Mitarbeiter in der Produktion und 17 Prozent im Werkzeugbau beschäftigt. Die Auswertung zeigt an, dass in wenigen Jahren neue Meister im Werkzeugbau ebenso gebraucht werden wie Arbeiter für die großen Pressen: „Ist das erkannt, kann man nach Mitarbeitern im Werk suchen, die den Willen und die Fähigkeit haben, sich weiterzubilden“, erklärt Wiedemann. „Und die erfahrenen Leute sind ja jetzt noch da und können ihr Wissen rechtzeitig an die Nachfolger weitergeben“, ergänzt GMF-Personalleiterin Kansok.

„Einiges war ganz neu für uns“

Außerdem lässt sich ablesen, für welche älteren Mitarbeiter wann neue Tätigkeiten in welchem Bereich sinnvoll sind. Etwa der Kollege aus dem Presswerk mit Rückenbeschwerden, der für das Lager umgeschult werden und künftig dort seinen Mann stehen kann. „Einiges von dem, was das Analyse-Tool aufzeigte, war ganz neu für uns“, freut sich die GMF-Personalchefin.

Auch die Berliner DeltaTech Controls nutzt das Angebot des Verbands, der für das Projekt insgesamt drei Berater im Einsatz hat. Das Unternehmen fertigt Bedienelemente für Medizintechnik und Offroad-Fahrzeuge wie Mähdrescher oder Container-Stapler – komplexe Systeme also, die millionenfache Bedienung aushalten müssen. Die Produktion ist kürzlich nach Bydgosz (Polen) verlagert worden: „Wir haben lange gezögert – aber letztlich sind hier die Kosten zu hoch gewesen“, sagt Personalleiterin Gabriela Lehmann.

Der Hauptsitz, an dem auch geforscht und entwickelt wird, zog innerhalb Berlins um. Und für die Zukunft der 60 verbliebenen Mitarbeiter setzt Lehmann auf das Fachkräfte-Projekt. Klare und teils ganz neue Erkenntnisse waren der Lohn: „Zum Beispiel darüber, welche Ingenieure wann eingestellt werden müssen, damit der Wissenstransfer von den bald ausscheidenden Kollegen stattfinden kann.“

www.fachkraeftesicherung.de

„Neue Chancen für ältere Mitarbeiter“

Demografischer Wandel macht Umdenken nötig

Berlin. Was der Osten schon hinter sich hat, kommt auf Westdeutschland ab 2014 zu: Die Zahl der Schulabgänger sinkt und sinkt – Azubis werden vielerorts Mangelware. Auch in der Metall- und Elektro-Industrie (M+E) wird die Bedeutung der erfahrenen Kräfte damit weiter steigen.

Das bietet „neue Chancen für ältere Mitarbeiter“, wie Jutta Kemme betont. Als Leiterin der Abteilung Sozialpolitik beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Berlin kümmert sie sich schon seit Jahren um das Thema „demografischer Wandel“ – also das Altern und Schrumpfen unserer Bevölkerung.

Auch wenn es in der einen oder anderen Werkhalle noch nicht sichtbar ist: Das Durchschnittsalter der M+E-Stammbelegschaften ist von 2001 bis 2011 schon um dreieinhalb Jahre gestiegen! Dass der Trend anhalten wird, steht für Experten fest. Weiterbildung jenseits der 50 ist daher ein Gebot der Stunde, so Kemme: „Viele Unternehmen wünschen sich ja, dass Ältere mehr mitmachen, die Angebote stärker nutzen.“

Das wichtige Thema sei zwar in den Betrieben angekommen. Allerdings sei die Betroffenheit regional sehr unterschiedlich – „und ein frühes Erkennen der eigenen, individuellen Betroffenheit ist Gold wert“, weiß Kemme. Auch deshalb bieten die Verbände der Branche vielerlei Hilfen an, damit die Firmen sich leichter auf den unaufhaltbaren Wandel einstellen können.

Viele Ansatzpunkte für die Betriebe

„Einstieg ist immer eine gründliche Analyse der Altersstruktur: Dabei wird der Ist-Zustand des Betriebs in die Zukunft projiziert“, erklärt Kemme. Auf dieser Basis könne „demografiefeste Personalpolitik“ aufbauen – und da gebe es dann eine ganze Reihe von Ansatzpunkten: angefangen von der Darstellung der Firma nach außen über die Gestaltung der Arbeitszeiten und das Aufzeigen von Karrierepfaden auch für Ältere bis hin zur Gesundheitsförderung.

„Es gibt eine breite Palette von Dingen, die die Betriebe tun können“, so Kemme, „wobei statistisch oft nur schwer zu erfassen ist, was sich tatsächlich schon tut.“

Thomas Hofinger

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang