Betriebskultur

Im Gleichgewicht


Unternehmen helfen ihren Mitarbeitern, Beruf und Privatleben zu stemmen

Kronach/Ingolstadt. Wie lässt sich der Alltag aus Job und Privatem organisieren? Kleine Kinder und zu pflegende Angehörige wollen betreut, der Haushalt gemacht, aber auch die Arbeit zuverlässig erledigt werden.

„Wir müssen mehr bieten als Job und Gehalt. All unser Tun sollten wir auf die Perspektive unserer Mitarbeiter ausrichten“, sagt Werner Kotschenreuther. Der Personalleiter des Fernsehgeräte-Herstellers Loewe im oberfränkischen Kronach weiß: Es sind oft kleine Aspekte, die ein gutes Betriebsklima schaffen.

So dürfen die Beschäftigten von Loewe Essen aus der Kantine nach Hause nehmen, wenn sie dort beispielsweise einen Angehörigen betreuen.

Individuelle Angebote für jeden Mitarbeiter

Um ihren Mitarbeitern zu helfen, Arbeit und Privates unter einen Hut zu bringen, haben sich bayerische Unternehmen einiges einfallen lassen: Teilzeit, Gleitzeit, flexible Tages- und Wochenarbeitszeit, längere Auszeiten vom Job, Tele-Arbeit.

Denn es geht nicht mehr nur um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern um die Balance von Arbeit und Privatem.

Loewe-Personalleiter Kotschenreuther spricht von einem Geben und Nehmen. „Starre Vorgaben nützen nichts. Es geht um individuelle Lösungen, die dem Mitarbeiter und dem Unternehmen weiterhelfen.“ So gibt es etwa eine feste Ansprechpartnerin, die den Beschäftigten haushaltsnahe Dienstleistungen vermittelt, wie einen Putz-Service oder Gartenhilfe.

Auch der Spinnereimaschinen-Hersteller Rieter in Ingolstadt  macht mit gegenseitiger Rücksichtnahme gute Erfahrungen. „Bei uns hat fast jede Frau, die in Teilzeit tätig ist, ein maßgeschneidertes Arbeitsmodell“, sagt Klaudia Dengler. Sie leitet die Weiterbildungsabteilung. Und sie ist Sprecherin des Frauenprojekts „WiR“ (Women in Rieter).

Vorteil im Wettbewerb um Fachkräfte

Mit Blick auf die älter werdende Bevölkerung und den Mangel an Fachkräften will Rieter insbesondere qualifizierte Frauen mit attraktiven Arbeitsbedingungen ansprechen. „Ich weiß das sehr zu schätzen“, sagt Dengler, die selbst Teilzeit arbeitet. „Und wenn es mal nötig ist, dann bleibe ich länger oder komme nachmittags.“

Im unterfränkischen Ort Marktheidenfeld unterstützt der Markisen-Hersteller Warema seine Beschäftigten unter anderem in der Kinderbetreuung. Vom kommenden Frühjahr an wird es eine Krippe für die Kleinen geben. „Als Familienunternehmen ist das für uns selbstverständlich“, sagt Personalleiter Thomas Klein.

Für die Firmen lohnen sich solche Angebote. Das zeigt eine Studie des Forschungszentrums „Familienbewusste Personalpolitik“ von 2008. Im Vergleich zu weniger fa-milienfreundlichen Unternehmen schneiden sie in betriebswirtschaftlichen Kennzahlen wie Produktivität oder Fehlzeiten um durchschnittlich 15 Prozent besser ab.

Häufig nutzen Unternehmen auch Netzwerke. Rieter in Ingolstadt etwa die „Plattform Betreuung“ der bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände bayme und vbm. Seit Herbst beraten sie in sechs Service-Stellen  Beschäftigte und vermitteln Hilfe, wenn plötzlich ein Angehöriger zu pflegen oder ein Kind zu betreuen ist.

Anregungen aus der Firma für zu Hause

Dass gute Erfahrungen im Betrieb auch Auswirkungen auf das Private haben, bestätigt Loewe-Betriebsrätin Anja Ströhla: „Hervorragend angenommen wird zum Beispiel die tägliche Gymnastik am Arbeitsplatz. Einigen meiner Kollegen tut das so gut, dass sie sich nach diesem Vorbild sogar zu Hause fit halten und turnen.“

Miriam Zerbel

Info: Familienfreundlichkeit

Nach einer Befragung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) bieten knapp 96 Prozent der Unternehmen mindestens eine Form flexibler Arbeitszeit oder Tele-Arbeit an.

Für die Beschäftigten bedeutet das eine Entlastung im Alltag. Die Betriebe bekommen im Gegenzug zufriedene und motivierte Mitarbeiter.

Die Palette der Entlastungsmöglichkeiten ist groß: Kinderbetreuung, Familienservice, Vermittlung von Pflege-Angeboten oder von haushaltsnahen Dienstleistungen.

Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten mit Kindern schätzen Familienfreundlichkeit. Nach einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK ist sie für die Wahl des Arbeitgebers genauso wichtig wie das Gehalt.

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