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Hurra - wir haben einen Job!


Wie der neue Tarifvertrag in der Chemie Berufsanfängern hilft

Im April setzte die Chemie ein Zeichen: Die Sozialpartner gründeten einen 25 Millionen Euro schweren Fonds, um die Übernahme von Azubis zu unterstützen. Hier sind die ersten 7 von insgesamt 1.000 jungen Leuten, die davon künftig profitieren.

Hannover. Glückwunsch! Seit dem 25. Juni haben Alexander Schlecht (20) und Paul Rohn (20) eine Anstellung als Maschinen- und Anlagenfahrer bei den VSM Vereinigte Schmirgel- und Maschinen-Fabriken in Hannover – direkt nach der Ausbildung.

Der Schleifmittel-Spezialist spürt wie viele Betriebe noch die Folgen der Krise, er ist daher bei Einstellungen zurückhaltend. Dass die Übernahmen dennoch klappten, liegt am Modell „1.000 für 1.000“.

„Das wirkt wie Schmieröl“

Hinter dem Kürzel verbirgt sich ein Fonds, den die Sozialpartner der chemischen Industrie im April mit ihrem Tarifvertrag „Brücke in Beschäftigung“ vereinbart haben (AKTIV berichtete). Der Fonds unterstützt die zusätzliche Übernahme von 1.000 Ausgebildeten mit je 1.000 Euro im Monat – dies entspricht einem Drittel der anfallenden Personalkosten. Gefördert wird über einen Zeitraum von 12 Monaten (siehe unten).

„Das ist hervorragend für uns“, sagt Schlecht und klopft erfreut auf eine Rolle Schleifpapier. Zuvor hat er sie in der Anlage mit Klebstoff beschichtet und mit Schleifmitteln bestreut. Bei VSM starten jedes Jahr zwischen sechs und acht Azubis ihre Ausbildung – bei 350 Mitarbeitern eine hohe Quote: „Als die Wirtschaft brummte, konnten wir viele Kandidaten übernehmen“, sagt Personalleiter Fritz Kelle. „Heute geht das leider nicht mehr.“

Mit der Übernahme steigen die Chancen der beiden frischgebackenen Facharbeiter auf eine unbefristete Stelle – bei VSM oder auch woanders. „Erst in der Praxis zeigt sich, ob jemand teamfähig, belastbar und zuverlässig ist“, betont Joachim Zahl, der für Alexander Schlecht und Paul Rohn zuständige Abteilungsleiter. „Leute mit Erfahrung nimmt man lieber.“

Auch Denise Müller (21), die bei VSM gerade ihr Zeugnis als Industriekauffrau bekommen hat, wird für 12 Monate übernommen. „Eine Stelle zu finden ist schwer“, erzählt sie. „Das hätten wir sonst auf keinen Fall gemacht“, sagt der Personalleiter. Auf ihn wirkt der Fonds „wie Schmieröl“ für eine positive Entscheidung.

„Ohne Erfahrung geht gar nichts“

Auch die Firma Infraserv, Betreiber des Industrieparks Kalle-Albert in Wiesbaden, hat im Rahmen von „1.000 für 1.000“ zwei junge Leute zusätzlich übernommen. „Ohne den Fonds? Undenkbar!“, unterstreicht Horst Daubner, der als Mitglied der Geschäftsführung für das Personalmanagement zuständig ist.

Bei Infraserv ist die Krise verzögert angekommen, etwa bei den Ingenieur- und Handwerker-Dienstleistungen. „Als die Anlagen 2009 still- standen, wurden viele Reparaturen vorgezogen“, erklärt Daubner. „Jetzt fehlt unseren Mitarbeitern in der Technik die Arbeit.“ Deshalb wurden von den acht Azubis, die diesesJahr ihre Ausbildung beendet haben, nur sechs eingestellt.

Doch dank des Fonds geht es nun auch für die Bürokauffrau Alexandra Muth (19) und den Elektroniker Ronald Mayer (21) weiter.

„Ich bin über diese Chance froh“, sagt Mayer. Seine Familie lebt in Paraguay, für die Ausbildung ist er nach Deutschland gekommen. Auf das erste Gehalt freut er sich riesig: „Es war schwer, in der Ausbildung über die Runden zu kommen. Große finanzielle Reserven hätte ich nicht gehabt.“

Auch seine Kollegin Muth ist erleichtert: „Ich hatte mich schon überall beworben, ohne Erfolg. Ohne Berufserfahrung geht gar nichts.“ Daubner lobt das Tarif-Modell als „Motivations-Treibstoff“. Er erwägt, auch 2011 zusätzlich Azubis zu übernehmen.

„Sonst wäre ich jetzt arbeitslos“

Bei Röchling Automotive in Worms freut sich Industriekauffrau Olga Walter (25) über ihren Vertrag. „Sonst wäre ich arbeitslos“, sagt sie. Und Verfahrensmechaniker Alexander Abich (26) kann seinen Unterhalt sowie ein Zusatzstudium finanzieren.

Für den Autozulieferer kein leichter Schritt: 2009 brach der Umsatz ein, strenge Sparmaßnahmen waren nötig, Übernahmen gab es keine: „Wir können doch nicht Personal reduzieren und zugleich Azubis übernehmen“, sagt Hartmut Arnold, Personalleiter Europa Nord. Das Tarif-Modell bot den Ausweg: „Die jungen Leute profitieren davon. Wir wollten ihnen die Chance auf Berufserfahrung ermöglichen!“

Info: Modell „1.000 für 1.000“

Ein Nachwuchssicherungsfonds, in den die Chemie-Unternehmen einmalig 25 Millionen Euro einzahlen, ermöglicht das Tarif-Modell „1.000 für 1.000“. Er unterstützt pro Jahr 1.000 zusätzliche Übernahmen von ausgelernten Jugendlichen – mit jeweils 1.000 Euro im Monat. Verwaltet wird der Fonds vom Unterstützungsverein der chemischen Industrie.

Den Antrag stellen Azubis gemeinsam mit ihrem Abeitgeber. Mehr Informationen im Internet: www.uci-wiesbaden.de

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Schlagwörter: Fachkräfte

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