Ausbildung

Hurra, Einstieg geschafft!


Zwiesel/Plattling. Es gab sie ursprünglich nur in Zwiesel, im Herzen des Bayerischen Waldes. Und sie waren ganz wenige: die Joblinge. Wer jetzt an Fabelwesen denkt, liegt daneben. Es geht um junge Menschen ohne rechte berufliche Perspektive, denen die gemeinnützige Initiative Joblinge neue Chancen gibt. Inzwischen sind sie zum Beispiel auch Berlin, Köln oder München zu finden.

Chance trotz geschmissener Lehre

Angefangen aber hat alles im Bayerischen Wald – und das Smurfit-Kappa-Werk in Zwiesel war sofort dabei, als die Unternehmensberatung Boston Consulting Group und die Eberhard von Kuenheim Stiftung des Autoherstellers BMW das moderne Unterstützungsprogramm initiierten.

Mit 80 Mitarbeitern ist der papierverarbeitende Betrieb ja einer der größten Arbeitgeber in dem 10.000-Seelen-Ort. Und für Werkleiter Martin Scheinert ist klar: „Wir müssen jungen Menschen Mut machen, ihnen zeigen, was sie können – und sie nicht immer wieder an frühere Fehler erinnern.“

Eine Art Initialzündung für Scheinerts Engagement waren die Erfahrungen mit Martin Stangl. Der heute 35-Jährige hatte als Jugendlicher zwei Ausbildungen geschmissen: „Mir fehlte der Halt“, sagt er. Mit Aushilfsjobs schlägt Stangl sich durch, landet schließlich als Zeitarbeiter im Smurfit-Kappa-Werk.

Kollegen helfen beim Lernen

Bald wird er befristet übernommen, bittet seinen Chef um einen Ausbildungsplatz zum Verpackungsmittelmechaniker – und Scheinert lässt sich überreden. Kollegen helfen beim Lernen, die Prüfung meistert Stangl mit Bravour.

Und dann hilft er selbst, als der erste „offizielle“ Jobling im Betrieb antritt: Richard Ellerbeck (27). In einer ersten Lehre gescheitert, bekommt er nach mehrmonatigem Training bei der Initiative einen befristeten Vertrag im Werk. Während der Wirtschaftskrise wird ihm dann ein Ausbildungsplatz angeboten – doch Ellerbeck traut sich das nicht zu. „Obwohl ich bleiben wollte, schließlich war ich in einem tollen Team ...“

Stangl versteht solche Ängste, macht dem Kollegen Mut. Das hilft. Ellerbeck ist inzwischen Fachkraft für Lagerlogistik: „Auf einmal habe ich etwas vorzuweisen, das gibt ein ganz anderes Selbstbewusstsein!“

Dieses Gefühl kennt auch Benjamin Weiderer (22), der ebenfalls als Jobling kommt und jetzt Verpackungsmittelmechaniker lernt. „Seit ich eine Lehrstelle habe, muss ich mich nicht mehr als Faulenzer beschimpfen lassen. Es interessiert ja keinen, warum man arbeitslos ist – man wird einfach nur angemacht“, erinnert er sich.

Jenny Eglseder (18) wiederum wollte eigentlich Verkäuferin werden. Aber mit einem Totenkopf-Tattoo und auffallenden Piercings? Da hatte die junge Frau keine Chance. „Irgendwann hab’ ich mir gar nix mehr zugetraut“, sagt sie.

Ehrenamtliche Mentoren

Für solche Fälle sind die inzwischen über 400 Joblinge- Mentoren da: ehrenamtliche Helfer, die die jungen Leute etwa bei Behördengängen begleiten und ihnen schrittweise zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen. „Manche erfahren im Umgang mit uns zum ersten Mal Lob und Anerkennung“, sagt Mentorin Sylvia Geiß.

Sie hat Eglseder betreut. Mit Erfolg: Die junge Frau fasst wieder Mut, beginnt ein Praktikum bei Smurfit Kappa – es gefällt ihr. Heute lernt sie hier Fachkraft für Lagerlogistik. „Sie stellt sich jetzt ihren Aufgaben – wenn auch noch mit Herzklopfen“, freut sich Mentorin Geiß.

Taulant Barileva (20) und Denny Peters (24) haben ebenfalls dank ihrer Mentoren eine Lehrstelle gefunden – im Smurfit-Kappa-Werk im nahen Plattling, das inzwischen nach dem Zwieseler Vorbild ebenfalls Joblinge aufnimmt. „Tolle Jungs, die nehmen die Ausbildung richtig ernst“, freut sich Laborantin Bruna Graf. Sie betreut die angehenden Packmitteltechnologen in der Qualitätssicherung – und ist sich sicher: „Die beiden gehen ihren Weg.“

Weitere Informationen über die Initiative Joblinge gibt es im Internet: joblinge.de

Smurfit Kappa weltweit

Mit 38.000 Mitarbeitern weltweit und 7,4 Milliarden Euro Jahresumsatz gilt Smurfit Kappa als der führende europäische Produzent von Papier, Pappe, Wellpappe und Verpackungen auf Papierbasis. Die Gruppe hat mehr als 400 Standorte in über 30 Ländern, die Zentrale ist im irischen Dublin.

Bundesweit hat Smurfit- Kappa etwa 5.000 Mitarbeiter. Die einzelnen Betriebe werden aber sozusagen auf mittelständische Art geführt. Ein Beispiel: Soziales Engagement vor Ort ist per Leitlinie grundsätzlich festgeschrieben – wie und wofür man sich einsetzt, das entscheidet jeder Betrieb selbst.

Joblinge bald auch im Werk Brühl

Das Werk Zwiesel unterstützt seit 2008 die Initiative Joblinge, die arbeitslosen jungen Menschen berufliche Perspektiven eröffnet: Das Werk hilft mit Spenden, vor allem aber mit Praktikums- und Ausbildungsplätzen. Dafür bekam der Betrieb vor kurzem den firmeninternen europäischen Nachhaltigkeitspreis 2011.

Kein Wunder also, dass das Zwieseler Beispiel im Konzern Nachahmer findet. Als erstes folgte das Schwesterwerk in Plattling, und auch im Werk Brühl (bei Köln) ist eine Kooperation mit der Joblinge- Initiative geplant. smurfitkappa.com

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