Demografie

Hier teilen Mitarbeiter ihr Spezialwissen


Worms. Wie Tänzer bewegen sich die Roboter in der Schäumanlage von Röchling Automotive auf und ab, zur Seite und nach vorn. Ihre Arme greifen nach Kunststoffteilen und tragen blitzschnell Dichtungen auf. Hier in der Wormser Werkhalle entstehen unter anderem schallisolierende Stirnwände für Autos.

Schichtleiter Alexander Baumann überwacht den Prozess. Als er vor zwei Jahren vom Kaschieren zum Schäumen wechselte, betrat er Neuland. Dass er schnell angelernt werden konnte, hat er seinem Kollegen Relio Kaiser zu verdanken. „Wir tauschen uns kontinuierlich aus“, sagt dieser.

Röchling fördert Fachkräfte wie Kaiser. Sein Know-how ist für die Firma Gold wert. Er ist Experte für den Schäumprozess und arbeitet seit 25 Jahren am Standort. Kein anderer kennt die Anlagen so gut wie er. „Die meisten Maschinen sind Sonderanfertigungen“, erklärt der 45-Jährige.

Deshalb wird Kaiser derzeit gezielt darauf vorbereitet, sein Spezialwissen zu teilen. Das Unternehmen stellt sich damit der demografischen Entwicklung. Zwar liegt das Durchschnittsalter der Belegschaft noch bei 43 Jahren, doch in den Technologieabteilungen rücken kaum Fachkräfte nach.

„Eine interne Demografie-Analyse hat uns gezeigt, dass in Schlüsselbereichen wichtiges Know-how auf zu wenig Mitarbeiter verteilt ist“, sagt Thorsten Schuch, Leiter der Aus- und Weiterbildung. In einer umkämpften Branche wie der Automobil-Industrie kann das schnell Folgen haben.

„Wenn ich mal krank bin, muss der Betrieb doch schließlich weiterlaufen.“ Relio Kaiser, Experte für Schäumprozesse

„Eine Strategie musste her“, sagt Schuch. Das Ziel dabei: Das Wissen der Mitarbeiter zu managen und zu vernetzen. Seit Ende 2011 läuft das Modellprojekt „Kompetenzentwicklung am Arbeitsplatz“. Es basiert auf dem Chemie-Tarifvertrag „Lebensarbeitszeit und Demografie“ und wird vom Arbeitsministerium sowie der Europäischen Union gefördert.

Sechs Mitarbeiter werden derzeit an den fünf deutschen Standorten zu Mentoren geschult. „Die Teilnehmer lernen, ihr Know-how zu systematisieren und es gezielt weiterzugeben“, sagt Bildungsberater Bernd Göttel. Seine Firma Kompera vermittelt das nötige Handwerkszeug dafür. Ab 2014 soll der Wissenstransfer in die tägliche Arbeit einfließen. Möglichst im direkten Gespräch an der Maschine.

„Im Idealfall wird der Erfahrungsschatz wie in einer Schleife automatisch dem Nächsten zur Verfügung gestellt“, sagt Göttel. Viele Ingenieure und Produktionsmitarbeiter werden in Worms bereits in das Projekt einbezogen. „Wir profitieren von ihren Berichten“, sagt Experte Kaiser, „sie können am besten einschätzen, wo’s hakt.“

Für ihn ist es selbstverständlich, sein wertvolles Wissen mit den Kollegen zu teilen. „Wenn ich mal krank bin oder wenn ich frei habe, muss der Betrieb doch schließlich weiterlaufen.“

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