Abends für den Traumjob büffeln

Hier drücken ungelernte Mitarbeiter noch mal die Schulbank


Rottweil. Kolben, so groß wie Kohlköpfe, hält Hüseyin Özdemir in der Hand. Er setzt die aus Stahl gegossenen Teile aufs Band, wo sie weiter bearbeitet werden. So ein Kolben muss später in einem Lkw-Motor gewaltigen Kräften standhalten. Damit die Qualität stimmt, arbeitet Özdemir sehr konzentriert: Er programmiert die Bearbeitungsstation, bestückt sie mit dem passenden Werkzeug und kontrolliert dann noch mal jeden Kolben.

„Das ist mein Wunscharbeitsplatz“, sagt er und strahlt. Den Wechsel des 51-Jährigen von der Gießerei hierher in die Stahlkolbenfertigung hat eine Ausbildung im Betrieb möglich gemacht.

Die Gießerei wird laufend modernisiert. Einfache Tätigkeiten fallen weg

Die Qualifizierung zum Maschinen- und Anlagenführer in nur zwölf Monaten ist ein Pilotprojekt, das die Agentur für Arbeit mit dem Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft und BBQ Berufliche Bildung angestoßen hat, unterstützt von der Bezirksgruppe Schwarzwald-Hegau des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall.

Bei dem Automobilzulieferer Mahle in Rottweil stieß die Idee auf offene Ohren: „Da viele einfache Tätigkeiten wegfallen und außerdem auch dort die Anforderungen ständig steigen, ist die Nachqualifizierung An- und Ungelernter aus unserer Sicht sehr wichtig“, so fasst Personalleiter Peter Emmering zusammen.

Der Standort Rottweil ist eines der größten Kolbenwerke des weltweit tätigen Automobilzulieferers. Von den über 1.000 Mitarbeitern hier ist noch rund die Hälfte mit einfachen Tätigkeiten beschäftigt. Doch das wandelt sich: Die Gießerei wird laufend modernisiert, immer mehr Arbeitsgänge werden per Computer gesteuert.

Entsprechend groß war das Interesse an der Weiterbildung. „Wir haben die Bewerber in einem Testverfahren ausgewählt“, erläutert Ausbildungsleiter Thomas Schmider. Nach einem ersten Durchgang mit 10 Teilnehmern startete der zweite mit 18 „Azubis“, 2 davon kommen von einem Nachbarunternehmen.

Ungelernte sind die Sorgenkinder auf dem Arbeitsmarkt

Gefördert werden Beschäftigte, die keine Ausbildung haben oder einen Abschluss, der in Deutschland nicht anerkannt ist. Auch wer seinen Beruf seit Jahren nicht mehr ausübt, zählt zu den „Ungelernten“.

Sie sind die Sorgenkinder auf dem deutschen Arbeitsmarkt: „In Krisenzeiten sind sie die Ersten, die ihren Job verlieren und meist auch die Letzten, die wieder eine Stelle finden“, sagt Daniela Bach von der Agentur für Arbeit in Rottweil, die das Projekt fördert: Die Agentur schießt 50 Prozent des bisherigen Arbeitsentgelts und einen Teil der Sozialversicherungsbeiträge zu. Außerdem werden die Unterrichtskosten über das Programm „WeGebAU“ übernommen. Denn die bereits gereiften „Azubis“ pauken nicht in der Berufsschule, sondern direkt im Betrieb.

„Die kurzen Wege und die gute Zusammenarbeit mit Mahle machen den Erfolg des Projekts aus“, sagt BBQ-Projektleiter Heinz Schwager. Entscheidend war natürlich die Motivation der „Azubis“: „Ich habe jeden Abend gelernt. Das hat sich gelohnt“, sagt Familienvater Özdemir.

Artikelfunktionen


Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:

'' Zum Anfang