Krankenstand

Heute schon gedopt?


Schichtbeginn: Noch eben was einwerfen! Keine Sorge – dieses Bild ist natürlich gestellt. Foto: Roth

Krise hin, Krise her: Die Mitarbeiter fallen wieder öfter aus

Süchtig machende Pillen zur Leistungssteigerung einwerfen und sich zur Arbeit schleppen? Ganz normal – wenn man dem Deutschen Gewerkschaftsbund glauben will. Mit großem Echo warnte er vor „Doping am Arbeitsplatz“: spektakuläre Reaktion auf den angeblich niedrigsten Krankenstand aller Zeiten. Tatsächlich aber steigen die Fehlzeiten weiter an: Der vermeintliche Rekord ist ebenso eine Fiktion wie das massenhafte Doping im Job.

Das Gesundheitsministerium hatte nur berichtet, „wie viele Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung mit Krankengeldanspruch zu einem bestimmten Stichtag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorgelegt haben“: Für das erste Halbjahr 2009 ergab sich ein sehr niedriger Wert von 3,24 Prozent.

Fragwürdige Stichtage

Das ist kein Wunder: Als Stichtag dient der Monatserste – und der fiel von Januar bis Juni gleich fünf Mal auf das Wochenende oder einen Feiertag! Nur ein „normaler“ Arbeitstag in einer Halbjahres-Auswertung: Das hat es lange nicht mehr gegeben.

Das Ministerium riet zwar, man möge „keine falschen Schlüsse“ ziehen: „UrsachenForschung lässt sich mit diesen Zahlen nicht betreiben.“ Schlagzeilen àla „Deutsche Arbeitnehmer fehlen so selten wie nie“ waren da aber schon gedruckt.

Was wirklich in unseren Firmen los ist, haben gerade die Betriebskrankenkassen (BKK) berichtet: Der Krankenstand steigt! Die Beschäftigten fallen etwas öfter aus – Krise hin oder her.

Die BKK-Daten, erhoben vom Dienstleister Spectrum K, gelten unter Experten als besonders solide. Es werden nicht Stichtage ausgewertet, sondern sämtliche Fehlzeiten von fast drei Millionen Be­schäftigten. Krankmeldungen von Arbeitslosen werden bewusst nicht berücksichtigt.

Firmen halten ihre Leute fit

Trotz der leichten Zunahme seit einigen Jahren liegen die Ausfälle aber noch auf einem „erfreulich niedrigen Niveau“, wie Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sagt.

Dafür gebe es mehrere Gründe – etwa den Rückgang körperlich belastender Tätigkeiten. Aber auch den Einsatz der Firmen, die ihre Leute fit halten wollen: „Immer mehr Unternehmen betreiben eine systematische betriebliche Gesundheitsförderung.“

Und die Sache mit dem Doping? Beim Gewerkschaftsbund verweist man da nur auf eine Umfrage, Auftraggeber: die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK).

In deren „Gesundheitsreport 2009“ steht tatsächlich die folgende Passage: „Alles in allem kann von 1,0 bis 1,9 Prozent ‚Dopern’ in der Gruppe der aktiv Erwerbstätigen im Alter von 20 bis 50 Jahren

ausgegangen werden.“ Einer, schlimmstenfalls zwei von 100 Mitarbeitern hätten der Umfrage nach wirklich ein Pillen-Problem. Und so kommen selbst die Autoren der DAK-Studie zu dem Schluss: Von weit verbreitetem Doping im Job keine Spur – vielmehr „wird in der Öf­fent­lichkeit ein verzerrtes Bild dargestellt“.

Thomas Hofinger

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