Nachwuchskräfte

Hauptschulen bringen den Durchblick


Er wusste früh Bescheid: Nach einem Praktikum wollte Robert Faltermeier Industriemechaniker werden. Heute arbeitet er im Werkzeugbau. Foto: Weigel

Dank Praxisnähe und Berufsorientierung sind sie für viele Betriebe attraktiver, als viele glauben

Regensburg/Rosenheim. Robert Faltermeier (21) hat viele Berufe getestet. Im Praktikum versuchte er sich als Hörgeräte-Akustiker und Koch, auch in den Zimmerei-Betrieb der Eltern schnupperte er hinein. Doch wirklich gefallen hat es ihm, einem ehemaligen Hauptschüler, nur in der Maschinenfabrik Reinhausen in Regensburg.

Keine Sackgasse für junge Menschen

„Mir war nach dem Praktikum im Betrieb schon früh klar, dass ich Industriemechaniker werden möchte“, sagt er. Heute arbeitet er zwei Jahre nach dem Ende seiner Ausbildung im Werkzeugbau – und hat große Freude daran, kleine Bauteile bis hin zu kompletten Anlagen für seine Kollegen aus anderen Abteilungen anzufertigen.

Faltermeier hat auf der Hauptschule im sogenannten M-Zug die Mittlere Reife erworben – so wie jeder Vierte, der letztes Jahr in Bayern eine Hauptschule oder eine der neuen Mittelschulen verließ. Die Hauptschule ist in Bayern für junge Menschen keine Sackgasse. Und das gilt sogar für jene, die schon nach der 9. Klasse mit einem Abschluss abgehen.

Auch sie bekommen in der bayerischen Metall- und Elektro-Industrie ihre Möglichkeiten. Die Betriebe schätzen ihre praxisnahe und berufsbezogene Ausbildung.

„Wir geben Hauptschülern die gleichen Chancen wie allen anderen“, erklärt Stefan Thür, Ausbildungsleiter der Maschinenfabrik Reinhausen. Auch die Art des Abschlusses sei kein allein entscheidendes Kriterium in Bewerbungen.

Jedes Jahr kommen in seinem Unternehmen etwa 60 Prozent der neuen Azubis von der Hauptschule. Thür achtet vor allem auf Persönlichkeit, technisches Wissen und handwerkliches Geschick.

Und da überzeugen ihn häufig die Hauptschüler. „Sie lernen Inhalte, die auch in der Lehre wichtig sind. Und außerdem merkt man, dass einige von ihnen auch privat ganz gerne im Keller basteln.“

Ein großes Plus für Hauptschüler ist nach Thürs Meinung ihre gute Vorbereitung auf den Beruf. So sind Praktika während der Schulzeit Pflicht. Und auch in den Ferien kämen viele in den Betrieb und könnten die Ausbildung live erleben. „Die wissen daher schon früh, was sie wollen und was sie erwartet.“

„Man muss sie stärker an die Hand nehmen“

Beim Rosenheimer Antennen-Hersteller Kathrein kommen immerhin 20 Prozent aller Auszubildenden von der Hauptschule – auch wenn zum Verständnis der hochkomplexen technischen Produkte besonders das abstrakte Denken wichtig ist. Realschüler gelten hier eigentlich als besser geeignet.

„Man muss sich die Leute eben genau ansehen und wissen, ob man eher theoretisch begabte oder praxisorientierte Mitarbeiter sucht“, erklärt Ausbildungsleiter Alfred Thunig. „Grundsätzlich ist die Hauptschule eine sehr gute Schule“, sagt er, „gerade hier im ländlichen Südosten Bayerns.“

Kathrein macht mit den Absolventen gute Erfahrungen. „Allerdings sollte man wissen“, fügt Thunig hinzu, „dass man sie am Anfang stärker an die Hand nehmen muss.“ Sie seien meist ein Jahr jünger und noch nicht so reif wie Realschüler. Auch eigenständiges Arbeiten falle ihnen vergleichsweise schwer.

„Nach drei Jahren bei uns merkt man jedoch keine Unterschiede mehr“, erklärt der Ausbildungsleiter. Und dank eines sehr durchlässigen Bildungssystems stünden auch den Hauptschülern nach der Lehre prinzipiell alle Wege offen – bis hin zum Hochschulstudium.

Info: Hauptschule

In Bayern besuchen derzeit 220.000 Schüler rund 960 Hauptschulen. Von diesen werden ab dem kommenden Schuljahr etwa 95 Prozent als Mittelschulen oder in sogenannten Mittelschulverbünden Bildung anbieten. An ihnen soll das Profil der Hauptschule weiter geschärft werden: starke Berufsorientierung dank enger Kooperation mit Unternehmen, Berufsschulen und den Arbeitsagenturen. Hinzu kommt der Ausbau von Ganztagsangeboten. Eine Vielfalt von Abschlüssen wird weiterhin möglich sein: neben drei verschiedenen Hauptschulabschlüssen nach der 9. Klasse auch ein Jahr später die Mittlere Reife.

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