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Wie gut verdient ein Müllmann?

Harter Job, maues Gehalt: Wir waren mit Müllwerkern der Stadtreinigung auf Tour

Den Abfall anderer Leute entsorgen – das klingt nicht gerade nach Traumjob. Sondern nach schwerer körperlicher Arbeit. Und doch lieben viele Müllwerker ihren Beruf. Wir haben sie begleitet.

Eingespieltes Team: ­Fahrer Robert Lenz, die Lader Robert Starmanns, Yunis Laamimach und Marco Lorsbächer (von links). Foto: Scheffler

Eingespieltes Team: ­Fahrer Robert Lenz, die Lader Robert Starmanns, Yunis Laamimach und Marco Lorsbächer (von links). Foto: Scheffler

Frühe Vögel: Yunis Laamimach (links) und Robert Starmanns um sechs Uhr bei Schichtbeginn. Foto: Scheffler

Frühe Vögel: Yunis Laamimach (links) und Robert Starmanns um sechs Uhr bei Schichtbeginn. Foto: Scheffler

Alter Hase: Robert Lenz, der Fahrer,am Steuer des Müllwagens. Foto: Scheffler

Alter Hase: Robert Lenz, der Fahrer,am Steuer des Müllwagens. Foto: Scheffler

Hoch das Heck: Rund acht Tonnen Müll purzeln aus dem Müllwagen. Foto: Scheffler

Hoch das Heck: Rund acht Tonnen Müll purzeln aus dem Müllwagen. Foto: Scheffler

Wiesbaden. Es ist kurz nach sechs, seine Schicht hat gerade erst begonnen, aber Marco Lorsbärcher stehen schon jetzt die Schweißperlen auf der Stirn. Mit stählernem Griff packt der 24-Jährige einen voll beladenen Müllcontainer und wuchtet ihn aus dem morastigen Vorgarten. „Hat die Nacht über geregnet“, presst er hervor, „ist immer Mist, macht den Boden tief.“ Dann treibt der kräftige Mann den schweren Behälter vor sich her, er rumpelt über krumme Gehwegplatten, kurzer Stoß noch, dann steht das Ding passgenau am Straßenrand.

Doch verschnaufen kann der Müllmann nicht: Gut 800 weitere Restmülltonnen warten heute noch auf ihn. In Einfahrten, Verschlägen, Vorgärten, vor Garagen. Tonnen packen, zum Straßenrand bugsieren, damit der Müllwagen besser rankommt – das ist heute Lorsbärchers Job.

55.000 Müllmänner räumen unseren Abfall weg

Es ist ein Rennen gegen die Uhr. Lorsbächer steht jetzt mitten auf der Straße und blickt die Häuserschlucht in der noch menschenleeren Wiesbadener Innenstadt hinunter. In der Ferne zuckt schon das orange Blinklicht des Müllwagens durch die Dunkelheit. „Ich muss mehr Gas geben, die Kollegen kommen schon“, sagt er. Und hetzt dabei zur nächsten Tonne.

Dreckig, manchmal eklig, auf jeden Fall aber sauanstrengend: Ist das nicht unser aller Kopfkino beim Stichwort „Müllmann“? 38 Millionen Tonnen Abfälle wurden 2016 nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei Deutschlands Haushalten eingesammelt. Macht stolze 461 Kilo pro Kopf der Bevölkerung. Da ist alles dabei: Joghurtbecher und Babywindeln, Essensreste und Altpapier, Sperrmüll und Altglas.

Müll gibt’s hierzulande also mehr als genug. Aber den Dreck anderer Leute beseitigen? Will doch keiner machen! Ist nur die letzte Ausfahrt für solche, die sonst nirgendwo genommen werden. Dafür aber immerhin ganz ordentlich verdienen. Klischees ohne Ende – aber welche davon sind wahr?

Zur Verteidigung der Berufsehre von Deutschlands rund 55.000 Müllmännern schlüpft Patrick Hasenkamp zumindest verbal eilig in deren typisch orange Kluft. „Die Müllwerker halten Deutschland am Laufen!“, sagt der Vizepräsident des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) in Berlin. Die zu seinem Verband zählenden Unternehmen klauben etwa die Hälfte des deutschen Haushaltsmülls vom Straßenrand. Für die andere zeichnen private Entsorgungsfirmen verantwortlich.

Die Begründung für die steile These liefert der Top-Funktionär gleich mit: „Ohne sie würde der Abfall schließlich nicht abgeholt. Und auch keiner ordentlichen Verwertung zugeführt.“

Wenigstens kommt das Gehalt pünktlich

Da wird so schnell keiner widersprechen. Dann aber holt Hasenkamp Luft und greift tief in die Pathoskiste. „Traumberuf Müllwerker? Ja, durchaus!“ Zumindest in der kommunalen Abfallwirtschaft liege die Attraktivität des Berufs an der Sicherheit des öffentlichen Dienstes, den geregelten Arbeitszeiten und der pünktlichen Gehaltszahlung. „Sicherlich ist es schwere körperliche Arbeit, aber die meisten Müllwerker machen ihre Arbeit sehr gern“, versichert Hasenkamp.

Zurück auf den Straßen Wiesbadens. Der Müllwagen, ein tonnenschwerer MAN-Truck in grellem Orange, hat jetzt die ersten Tonnen erreicht, die Vorläufer Marco Lorsbächer zuvor an die Straße geschoben hat. Hinterm Lenkrad klemmt Robert Lenz, der erfahrenste im Team. Hinten auf den Trittbrettern stehen seine Kollegen Robert Starmanns und Yunis Laamimach.

Alle paar Sekunden springen die beiden vom Wagen, schieben randvolle Müllbehalter ans Heck des Fahrzeugs. Ein Knopfdruck, schon greifen stählerne Zähne die bis zu 1.100 Liter fassenden Container und hieven sie mühelos in die Höhe. Der Deckel klappt auf, der Müll rutscht in den Schlund des Fahrzeugs.

Im Laufschritt schieben Starmanns und Laamimach, die beiden Lader, die leeren Tonnen wieder zurück. Der Wagen rollt derweil schon vor, das Duo sprintet hinterher. „Wir sind ein eingespieltes Team“, grinst Staarmanns, während er nach der metallenen Haltestange am Fahrzeugheck greift. „Ich mach’ den Job, seit ich 18 bin“, brüllt er gegen den Motorenlärm. Was eine ganze Weile ist – vor kurzem feierte Starmanns seinen 55. Geburtstag im Kollegenkreis. „Und ich mach’ ihn gern, das ist einfach mein Ding. Man ist draußen, keiner quatscht dir blöd rein.“

Müllwerker müssen körperlich fit sein

Bei den Entsorgungsbetrieben der Landeshauptstadt Wiesbaden (ELW) ist Starmanns damit einer der erfahrensten der insgesamt 138 mit der Müllsammlung beschäftigten Kollegen. „Unser Altersschnitt liegt bei 45 Jahren“, sagt ELW-Sprecher Frank Fischer. In den vergangenen Jahren sei das Team deutlich verjüngt worden.

Ein Grund dafür: die körperliche Belastung des Jobs. „Ohne Fitness kann man diese Arbeit nicht machen“, sagt Fischer. Bei der Restmüllsammlung lege der Vorläufer täglich rund 10 Kilometer zu Fuß zurück, „beim Biomüll sind es sogar 20“. Alle zwei Jahre unterziehen sich alle einem Gesundheits-Check. Besonders geprüft würden dabei Augen, Gehör und die Haut, so Fischer.

Und die Knochen. Denn die leiden! „Das Schieben und Ziehen von Müllbehältern bringt schwerwiegende Folgen für das Muskel-Skelett-System mit sich und ist für etwa ein Drittel der Krankheitstage verantwortlich“, heißt es in einer Studie der Essener Beraterfirma PCG.

Um die Belastungen zu reduzieren, setzt die Abfallbranche auf technische Innovationen wie Niederflurfahrzeuge oder Leichtlaufrollen an den Tonnen. „Früher war der Job aber noch viel heftiger“, sagt Lader Starmanns bei einer der wenigen kurzen Pausen, die sich das Team während der Schicht erlauben kann. „Da gab’s noch die schweren Metalltonnen.“ Aber die Knochen, die würde man nach Feierabend natürlich spüren.

Schmerzende Glieder muss Fahrer Robert Lenz an diesem Morgen zwar nicht beklagen. Aber er ärgert sich trotzdem: über die Bürger. „Alle wollen sie ihren Dreck loswerden“, brummt er vorn im Cockpit des Müllwagens. „Aber kein Autofahrer will hinterm Müllwagen warten.“ Nahezu täglich erlebt der 61-Jährige brenzlige Situationen. „Wir werden ausgebremst und geschnitten, dann rast einer halb über den Bürgersteig, bloß um schnell vorbeizukommen.“ Für die Lader hinten heißt das: Lebensgefahr.

Bei privaten Unternehmen wird weniger verdient

Da ist Lenz, gemütlicher Schnäuzer und Basecap, vorn auf dem Fahrersitz schon besser dran. Es ist mittlerweile neun Uhr, mit acht Tonnen Müll im Gepäck ist Lenz unterwegs zur Deponie. Dreimal wird er während der Schicht den Wagen entladen, der Rest des Teams wartet derweil in der Stadt. „Früher waren die Tonnen vielleicht schwerer“, sagt er, „aber dafür hatten wir weniger Druck.“ Zwei Tage im Monat frei für Behördengänge habe es gegeben, „alles gestrichen, und die Touren sind auch länger als früher“.

Und das Gehalt? Werden Müllmänner wirklich so gut bezahlt? ELW-Sprecher Frank Fischer packt da den dicken Papierordner aus dem Büroregal und deutet auf Tariftabellen. „Ein Lader im öffentlichen Dienst fängt mit 2.109 Euro brutto an.“ Bei 2.600 Euro ist Ende der Fahnenstange. Ein Fahrer erhält rund 200 Euro mehr. Schlechter dran sind die Kollegen bei der privaten Konkurrenz: Laut PCG-Studie liegen die Gehälter da teilweise bis zu 20 Prozent niedriger. Nicht gerade üppig. Zum Vergleich: In der Metall- und Elektro-Industrie liegen schon die Einstiegsgehälter in typischen Lehrberufen wie Zerspanungs- oder Werkzeugmechaniker meist über 3.000 Euro.

Erstaunlich aber ist: Der Liebe der Müllmänner zu ihrem Knochenjob tut das keinen Abbruch. In Wiesbaden hat Vorläufer Marco Lorsbächer mittlerweile die ersten paar Hundert Tonnen vorgezogen. Eine Ausbildung hat er wie viele seiner Kollegen nicht. Knapp 1.700 Euro netto wandern bei ihm derzeit monatlich aufs Konto.

„Klar würd’ ich auch mehr nehmen“, grinst er, die nächste Tonne schon im Anschlag. „Aber der Job müsste stimmen.“ Ausprobiert hat er da übrigens schon genug: Im Getränkelager, am Fließband in der Sektproduktion. „Den ganzen Tag drinnen, immer derselbe Handgriff – grauenhaft war das.“ An der frischen Luft richtig zupacken, danach habe er sich immer gesehnt, „und das kann ich mir bis zur Rente vorstellen“. Nächste Tonne, keine Zeit. Hinten kommt schon wieder der Müllwagen …


Viel Abfall, aber auch viel Recycling

  • Insgesamt 38 Millionen Tonnen Müll wurden 2016 bei den Haushalten eingesammelt. Knapp 1 Million Tonnen mehr als im Vorjahr.
  • Beim Siedlungsabfall (Müll aus Haushalten und Gewerbebetrieben) liegt das Müllaufkommen pro Kopf im EU-28-Raum nur in Dänemark, Malta und Zypern noch höher als bei uns.
  • Immerhin: In Deutschland werden etwa 66 Prozent des Siedlungsabfalls recycelt. Im EU-Durchschnitt sind es lediglich 46 Prozent.
  • Die Abfallmenge an Plastikverpackungen ist in der EU zwischen 2005 und 2015 um 12 Prozent gestiegen. Hierzulande gar um fast 30 Prozent.

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aktualisiert am 01.02.2018

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