Mittelstand

Haarfeine Drähte für Herzkatheter


Der Familienbetrieb Althoff + Lötters mischt auch in der Medizintechnik mit

Iserlohn. „Waschen, legen, föhnen“, lacht Tanja Ober-Westendorf, die sich scherzhaft als „Draht-Stylistin“ bezeichnet. Um sie herum schimmern goldene, silberne und bronzefarbene Zöpfe in der Sonne, die durch alte Sprossenfenster auf die weiß gekalkten Wände der Werkhalle fällt. Die 42-jährige macht an einer Maschine mit vielen Zahnrädern aus haarfeinem glatten Draht gewellten. Damit die gebündelten Borsten später besser stehen.

Ein Besuch bei der Firma Althoff + Lötters in Iserlohn wirkt zunächst wie eine Zeitreise. Gerhard Lötters (66), der alte Chef, wohnt auf dem Gelände seines Unternehmens und begrüßt die Besucher am Gartenzaun. Die Produktionshallen, meist aus Backstein, gruppieren sich um einen Innenhof. Und trotz des Maschinenlärms gehen alle mit großer Gelassenheit ans Werk.

Was Bürsten alles können

Na ja, die machen halt Draht. Doch der hier hat es in sich. Da kommt es auf höchste Präzision an. Frank Lötters (41), der die Geschicke der 100-jährigen Firma in vierter Generation von seinem Vater in die Hand gelegt bekommen hat, erklärt warum: „Wir machen schließlich feinste Drähte für die Medizintechnik.“ 40 Prozent der Produktion sind dafür bestimmt, finden sich etwa in Inter­dentalbürstchen für die Zahnpflege.

Aber nicht nur da: Die Erzeugnisse aus Iserlohn kommen sogar im OP zum Einsatz. So könnte kein Chirurg ohne die Führungsdrähte von Althoff + Lötters für den Herzkatheter mit einer winzig kleinen Kamera durch die Gefäße bis zum Herzen reisen. Und wenn sich dann herausstellt, dass die Gefäße geweitet werden müssen – kein Problem: Auch das Material, aus dem die Gefäßstützen und -erweiterer gemacht werden, kommt aus der Manufaktur im Märkischen Kreis.

Die Hälfte der Drähte aus Edelstahl, Messing, Neusilber (eine Legierung aus Nickel, Kupfer und Zink) oder Bronze kommt freilich in technischen Bürsten zum Einsatz. Wer aber glaubt, mit Drahtbürsten lassen sich nur der Grill säubern oder Rost entfernen – und das Teil zum Reinigen der Babyflasche für eine Spezialanfertigung hält –, der erlebt hier sein Wunder: Die igeligen Dinger können viel mehr.

Sie transportieren als Rollenbürsten glühende Bleche, dichten heiße Öfen ab, entgraten Metalle oder leiten statische Aufladungen ab. Die restlichen 10 Prozent der Produktion sind schließlich Laserschweiß-, Schneid- und Kratzendrähte. Letztere verwendet die Textilindustrie, um Samt auf der Oberfläche schön weich zu machen.

250 Tonnen Draht im Jahr

„Ohne Draht wäre die Welt ganz schön von der Rolle“, meint Frank Lötters. Er liefert immerhin 60 Prozent der Produkte ins Ausland. Darunter auch in Länder wie Neuseeland, Südkorea, Indien und Vietnam. Mehr als 250 Tonnen Draht verlassen das Werk im Jahr, bringen einen Umsatz von 4,5 Millionen Euro.

Familiär geht es zu in dem 32-Mann-Betrieb. Viele arbeiten hier seit Jahrzehnten, Spezialisten mit viel Erfahrung. Und hier machen sie – gemeinsam mit einem ortsansässigen Partnerunternehmen – etwas, was kaum eine andere Drahtzieherei auf diesem Planeten zustande bringt: Lackierten Draht für kleine Interdentalbürstchen, der hält, auch wenn er extrem verdrillt wird. Von wegen „Des Bauern letzter Rat ist Draht …“

 

Das zieht sich aber...

Das Wichtigste beim Drahtziehen ist der Stein aus Naturdiamant, durch den der Draht gezogen und so immer dünner wird. Ein Kilometer Stahldraht mit einem Durchmesser von 0,4 Millimeter wiegt ein Kilo. Wird beim Ziehen der Durchmesser auf die Hälfte (0,2 Millimeter) reduziert, vervierfacht sich die Länge auf vier Kilometer. Durch die Verformung wird der Draht fester. Soll er weicher sein, kommt er in den Glühofen, in dem 1.100 Grad herrschen. Ach ja: „Schweineschwänzchen“, die sich wahllos kringeln, mag kein Drahtzieher. Da hilft dann nur noch Weichglühen. Ein harter Draht mit genau bestimmter Spannung – das ist die hohe Kunst.

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