Neue Chancen für ältere Mitarbeiter

Gute Leute an Bord behalten, wenn der alte Job nicht mehr passt: das Beispiel BN Automation

Ilmenau. Mit Mitte 50 hatte Reinhard Schibalski den Job satt. „Die langen Arbeitstage, die Reiserei, das unstete Leben haben heftig an der Kraft gezehrt“, bekennt der Ingenieur. Damals war er Bauleiter: Für den thüringischen Spezialisten BN Automation setzte er viele Automatisierungsprojekte vor Ort um, etwa für Talsperren, Kraftwerke oder industrielle Prozessanlagen.

Was tun? Schibalski war klar, dass es auf Dauer nicht so weitergehen konnte. Kündigen musste der heute 58-Jährige aber nicht. Denn der Betrieb in Ilmenau (nahe Erfurt) legte Wert darauf, dass er an Bord blieb. So hat er heute zwar einen neuen Arbeitsplatz – aber beim gleichen Arbeitgeber! Eine Erfahrung, die immer mehr altgediente Industrie-Mitarbeiter machen.

Das Angebot der Firma, sein Wissen künftig in die Kalkulation von Angeboten für die Installationstechnik einzubringen, hat Schibalski mit Kusshand angenommen. Und die Entscheidung fürs Büro nicht bereut.

„Wir wollten Herrn Schibalski und seine Erfahrungen nicht verlieren“, erklärt Heiko Nikolaus, der Personalchef des 1990 gegründeten Unternehmens. „Und wir haben unsere und seine Belange unter einen Hut bekommen.“

Ähnlich war es bei Renate Hering. Ein Bandscheibenvorfall machte ihr zu schaffen, die Abstimmung von medizinischen Terminen und anspruchsvollen betrieblichen Aufgaben war mühsam. Heute erstellt die 58-jährige Ingenieurin Angebote etwa für Schaltanlagen, koordiniert überdies die Endfassungen der Papiere: Mit dieser neuen Aufgabe bei reduzierter Arbeitszeit leistet sie dem Betrieb weiter gute Dienste. „Ich bin sehr froh, dass das möglich war“, betont sie.

Erfahrene Mitarbeiter zu halten: Das ist hier über den sozialen Aspekt hinaus pure Notwendigkeit. Denn BN Automation wächst permanent – in den letzten zehn Jahren haben sich Umsatz und Personal verdoppelt, auf 13 Millionen Euro und 105 Mitarbeiter.

Mit mehr guten Leuten wäre noch mehr möglich. Doch woher nehmen? Es gibt weniger Schulabgänger als früher – die Zahl der Azubis in Thüringen hat sich deshalb seit dem Jahr 2000 halbiert.

Was sich in Ilmenau tut, ist quer durch die Republik zu beobachten: Ältere werden wichtiger. In der gesamten Metall- und Elektro-Industrie (M+E) ist die Zahl der Beschäftigten „60 plus“ seit 2000 gewaltig angestiegen: plus 150 Prozent! Zum Vergleich: Die M+E-Belegschaften insgesamt sind heute nicht einmal 5 Prozent größer als damals.

Auf drei Faktoren kommt es besonders an: Gesundheit, Qualifikation und Motivation

Die Wissenschaft hat sich des Themas denn auch längst angenommen. Rund 150 Studien hat der Heidelberger Arbeits- und Organisationspsychologe Professor Karlheinz Sonntag vor kurzem für den Arbeitgeberverband Gesamtmetall ausgewertet. Sein Fazit: „Die Forschung sieht keine natürliche Altersgrenze für Erwerbstätigkeit.“ Grundsätzlich spreche nichts gegen eine längere Lebensarbeitszeit.

Sonntag weiß auch: „Das geht nicht von alleine.“ Entscheidend für eine erfolgreiche Beschäftigung Älterer seien Gesundheit, Qualifikation und Motivation. „Diese Faktoren können durch Personalmanagement, Unternehmensführung und Arbeitsplatzgestaltung positiv beeinflusst werden“, so der Wissenschaftler, „und natürlich durch die Mitarbeiter selbst – Stichwort: Eigenverantwortung!“

Bei BN Automation hat man die Zeichen der Zeit verstanden. Wobei Personalchef Nikolaus dort natürlich trotzdem auch um die Jungen kämpft. „Wir schreiben zum Beispiel Stipendien für Studenten aus, bieten ihnen Betriebswohnungen, integrieren sie rasch in Projektarbeit“, berichtet er. Auch Umzugs-, Hochzeits- und Geburtsbeihilfen können jüngere BN-Mitarbeiter bekommen.


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