Entwicklung

Gut, dass man mich sieht!


3M testet Reflexmaterial in einem Demo-Tunnel

Neuss. Es ist stockdunkel. Ein junger Mann hat eine Autopanne und steht an einer Landstraße. Plötzlich tauchen zwei Scheinwerfer auf. Der Fahrer hat keine Chance, rechtzeitig zu bremsen: Er sieht die Person schlichtweg nicht.

Der „Dark Demo Room“ des Technologie-Konzerns 3M simuliert so eine Landstraße. Er befindet sich in Neuss bei Düsseldorf. Dort entwickelt und testet ein Team aus Ingenieuren, Chemikern und Physikern Reflexmaterialien für den Straßenverkehr und den Schutz von Personen.

Kunden und Wissenschaftler nehmen regelmäßig im „Dark Demo Room“ Platz und blicken in einen rund 20 Meter langen, schwarz ausgekleideten Tunnel. Werkstudent Stefan Werner legt sich eine Warnweste mit aufgeklebten Streifen an und marschiert ans hintere Ende. Anwendungstechniker Klaus Biehl nickt ihm zu und knipst das Licht aus – dann ist es Nacht.

Aus 160 Metern zu erkennen

Mit bloßem Auge ist Werner nicht mehr zu sehen. Biehl greift zu einer Taschenlampe. Der Lichtstrahl trifft auf die Streifen der Weste und macht die Silhouette des jungen Mannes sichtbar.

Wie das? Klitzekleine Glaskügelchen sorgen dafür, dass die Klebestreifen reflektieren. Sie lenken das Licht zu seiner Quelle zurück: es retroreflektiert. Und das aus einer Entfernung von 160 Metern.

Zehntausende dieser Kügelchen befinden sich auf einem Quadrat-Zentimeter. Sie werden halbseitig mit Aluminium verspiegelt und in Kunststoff eingearbeitet. Die einzelne Kugel misst zwischen 40 und 60 Tausendstel eines Millimeters und ist damit gerade so breit wie ein Haar.

Klaus Biehl hält einen Kolben voller Kugeln hoch. Doch das menschliche Auge kann sie kaum als solche erkennen. Es ist vielmehr ein Pulver, das weich ist wie Mehl.

3M gilt als Erfinder retroreflektierender Produkte. Ein Straßenmeister schlug einem Verkäufer einst vor, eine Fahrbahnmarkierung zu entwickeln. Das war 1937. Heute retroreflektieren neben Fahrbahnmarkierungen, Schulranzen und Warnkleidung für Beruf und Freizeit auch Verkehrsschilder, Autokennzeichen und Nutzfahrzeuge. Hier nutzt man aber meist Reflexfolien. Die basieren nicht auf Glasperlen, sondern auf Mikroprismen. Das sind Nachbildungen kleinster, speziell angeordneter Strukturen. Auch Displays von Laptops, Handys und Navi-Systemen leuchten damit kräftiger.

Zurück in den Dunkelraum. Beim Schutz von Personen ist nicht nur entscheidend, dass man den Menschen sieht, sondern auch wie. Um das zu zeigen, kniet sich Werner hin und tut so, als würde er einen Reifen wechseln. Der Zuschauer staunt: Der Student ist trotz Scheinwerferlicht weg. Der Grund: Sein gebeugter Körper bedeckt die Streifen.

Deshalb warnt Techniker Biehl: „Zwei horizontale Streifen reichen nicht.“ Auch wenn sie dem EU-Mindeststandard entsprechen. Nur mit zusätzlichen Streifen vertikal über die Schultern bleibt die Versuchsperson die ganze Zeit sichtbar. Egal, wie er sich bewegt. „Im Ernstfall hängt davon sein Leben ab“, sagt der Experte.

Knallige Farben bringen gar nichts Auf dieser Erkenntnis beruht das Bodylanguage-Konzept, das 2009 erstmals bei der Flughafen-Feuerwehr in München getestet wurde. Es findet in Berufskleidung Verwendung, ist aber auch in Sportartikeln zunehmend Trend.

Das Prinzip: „Wenn Streifen auf Oberkörper, Armen und Beinen appliziert werden, reflektiert ein Strichmännchen“, erklärt Biehl. Das Gehirn assoziiert sofort einen Menschen, auch aus ungünstigen Blickwinkeln.

Interessant: Knallige Farben wie Orange oder Neongelb tragen nicht zur Nachtsichtbarkeit bei. Biehl: „Ein Irrglaube!“ Die Farben basieren auf fluoreszierenden Pigmenten, die für das menschliche Auge nur im Tageslicht leuchten.

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