Zeit-Konto

Gut 4 Prozent Zinsen vom Betrieb


Oberderdingen. Manchmal gibt’s im Leben einfach Wichtigeres als die Arbeit: „Was, wenn wir mal unsere Eltern pflegen müssen?“, fragt sich Irina Koppel. Ihr Arbeitgeber, die E.G.O. Elektro-Gerätebau GmbH im badischen Oberderdingen, hat da eine besondere Lösung: Wer Teile des Entgelts auf ein „Lebensarbeitszeitkonto“ einzahlt, kann dafür später eine bezahlte Auszeit nehmen.

„Eine tolle Sache“, freut sich Koppel. Sie und ihr Mann Alexander, der ebenfalls in der Firma arbeitet, zahlen schon je 150 Euro im Monat ein.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Das Beispiel zeigt: Die demografische Entwicklung verlangt den Beschäftigten einiges ab – sie müssen länger arbeiten bis zur Rente und vielfach neben dem Job Angehörige pflegen. Doch die Betriebe können Wege finden, um dies für beide Seiten zu erleichtern.

Laut dem repräsentativen „Familien-Monitor“ der Bundesregierung verlangen 74 Prozent der Bürger, dass die Familienpolitik sich besonders um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kümmert. Das hätten sich zwar auch alle Parteien im Bundestag auf die Fahnen geschrieben, sagt Rainer Dulger, Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. „Doch umsetzen müssen das vor allem die Unternehmen.“

Viele tun es schon. In der Metall- und Elektro-Industrie bieten 58 Prozent der Firmen ihren Mitarbeitern hohe Souveränität bei den Arbeitszeiten. 40 Prozent haben Jahresarbeitszeitkonten, wie das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) per Umfrage ermittelte. Lebensarbeitszeitkonten sind allerdings erst im Kommen: Bislang gibt es sie nur in 3 Prozent der Betriebe – als deren freiwillige Leistung.

Deshalb wurde Vorreiter E.G.O. nun mit dem „Demografie Exzellenz Award Baden-Württemberg“ des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater geehrt.

Das Modell sei „einmalig in der Heimatregion des Unternehmens und weit darüber hinaus“, lobte die Jury. Für das, was sie auf ihr Lebensarbeitszeitkonto einzahlen, erhalten E.G.O.-Mitarbeiter gut 4 Prozent Zinsen pro Jahr. Als Startbonus gibt es nach einem halben Jahr Laufzeit 500 Euro dazu. Das Guthaben ist insolvenzgeschützt. Wie sie es nutzen möchten, müssen die Beschäftigten nicht festlegen – sie könnten es sich sogar auszahlen lassen.

Dem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Johannes Haupt, ist wichtig, dass die Konten flexibel für alle denkbaren Lebenssituationen nutzbar sind – auch für private Weiterbildungspläne. „Wir wollen unsere Mitarbeiter dort unterstützen“, sagt er, „wo gesetzliche Regelungen für sie möglicherweise nicht ausreichen.“

Und Haupt betont: „Wir brauchen solche flexiblen Modelle, um im Wettbewerb um Fachkräfte mehr bieten zu können als andere.“ Im kleinen Oberderdingen, wo Hightech für Hausgeräte produziert wird, arbeiten rund 2.000 Menschen für das Unternehmen. E.G.O. konkurriert mit namhaften Firmen aus Ballungszentren um gute Leute: „Da fragen Bewerber schon mal nach besonderen Leistungen“, sagt Personalleiter Markus Blümle.

100 Mitarbeiter haben schon unterschrieben

Unternehmensleitung und Betriebsrat haben das Modell per Ergänzungstarifvertrag festgezurrt. Irina und Alexander Koppel waren unter den ersten von inzwischen rund 100 Mitarbeitern, die einen Vertrag unterzeichnet haben. Wofür sie das Angesparte nutzen werden, wissen sie noch nicht. Alexander Koppel meint: „Auch die Option, früher in Rente zu gehen, ist interessant.“

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