Textile Zulieferer

Gurte am laufenden Band


Textilien von Güth & Wolf sichern Kletterer und halten Autositze zusammen

Gütersloh. Wer die Weberei des Band- und Gurtwebers Güth & Wolf betritt, spürt die Vibration von 190 Webmaschinen durch die Schuhsohlen. Firmenchef Hermann Güth deutet auf eine Digitalanzeige: 2.000 Schuss-Einträge macht dieser Bandwebstuhl pro Minute. Das ist verdammt schnell.

Schnell sein! Das gehört zum Kern des Geschäfts, das die Gütersloher in diesem Jahr seit 125 Jahren betreiben. Ihre Devise lautet: „Nah am Kunden bleiben. Deshalb haben wir vor Jahren entschieden, nicht nach Asien zu gehen“, sagt Hermann Güth, Geschäftsführer in der vierten Generation.

Stattdessen warten mitten in Ostwestfalen über 85 Millionen Meter Band auf Tausenden Lager-Quadratmetern darauf, binnen weniger Tage oder Wochen je nach Kundenwunsch ausgerüstet, konfektioniert und geliefert zu werden.

Leichte Gurte ersetzen schwere Metallgriffe

Zu den Abnehmern zählt die Automobilbranche. In modernen Autositzen stecken bis zu drei Meter Textilband. Mittlerweile werden Sitzbänke und Rückenlehnen nicht mehr durch Metallgriffe, sondern durch Gurtschlaufen entriegelt. „In puncto Bänder fahren wir bei allen namhaften Autoherstellern wie VW oder BMW mit“, sagt Güth.

Selbst den ausgelösten Airbag sichert im Ernstfall ein Polyesterband aus Gütersloh. Das robuste Textil ist ein wahrer Kraftprotz. Annette Rehkemper prüft das regelmäßig im betriebseigenen Labor. Die physikalisch-technische Laborantin steuert gerade eine Dehnungsanlage. In der Mitte spannt sich das 20 Millimeter breite Seiten­airbag-Band. Die Anlage simuliert ein Gewicht von etlichen Tonnen. Ein Knistern, ein Knall – das Band reißt. Der Test ist bestanden. „Die Prüfkriterien hat es erfüllt“, sagt Rehkemper zufrieden.

Inzwischen macht das Unternehmen mit circa 320 Mitarbeitern drei Viertel seines Umsatzes von 30 Millionen Euro mit solchen technischen Textilien. Dazu gehören Gurte für Fahrrad- und Schutzhelme oder Klettergürtel. Für Ladungssicherungsgurte liefert der Band- und Gurtweber die Meterware.

Mehr als eine Million Bandmeter pro Tag

Der verbleibende Umsatz verteilt sich auf klassische Heimtextilien wie Gardinen, Hosen– und Stoßbänder. Darunter ein Exot, der im Zweigwerk Friesoythe bei Oldenburg hergestellt wird: Das Kopfband verschließt die Bindung jeden Buches. Ohne das Bändchen würden gebundene Bücher auseinanderfallen.

Täglich weben die Gütersloher eine Million Meter textile Gurte und Bänder. Möglich sind rund 41.000 Varianten. In der Färberei durchlaufen Bänder und Gurte zum Beispiel eine thermische Ausrüstung. Dabei werden die Textilien ex­trem gedehnt. So können sie sich im Endzustand nicht zusammenziehen.

Mittlerweile kombinieren die Textil-Tüftler Bänder mit Metall. Daraus entstand ein Antriebsband für Garagentor-Motoren. Oder sie experimentieren mit Drahtgewirken, die im Leichtbau als Träger­gewebe dienen sollen.

In der Weberei zeigt Hermann Güth auf die Geburtswiege der Firma: Mehrere Bandwebmaschinen mit hölzernen Rahmen. Auf ihnen webte vor 125 Jahren sein Urgroßvater Epauletten für Uniformen. Heute fertigen sie technische Textilien. „Sie sind Oldtimer, aber auf ihnen wird unsere Zukunft gewebt.“

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