Ein Unternehmen macht Schule

Groz-Beckert: Klassenzimmer auf dem Werkgelände erleichtert Eltern den Alltag

Albstadt. Es ist nicht lange her, da fühlte sich Nicole Schairer zweimal täglich wie ein Rennpferd. Immer dann, wenn die Industriekauffrau Sohn Niklas zum Kindergarten brachte oder dort abholte. Ein Wettlauf gegen die Uhr: „Morgens, um pünktlich zur Arbeit zu kommen, später, um rechtzeitig wieder dort zu sein, bevor der Kindergarten schließt.“ Oft verlor sie das Rennen. „Im Kindergarten gab’s dann böse Blicke.“

Die muss sie jetzt nicht mehr aushalten: Niklas tobt seit ein paar Monaten in der Betriebs-Kita ihres Arbeitgebers, des schwäbischen Mittelständlers Groz-Beckert. Großzügige Öffnungszeiten, liegt direkt neben dem Werk. „Paradiesisch“, findet Schairer.

Noch ein weiter Weg zur Bedarfsdeckung

Und Söhnchen Niklas wird noch länger im „Paradies“ bleiben können. Denn Groz-Beckert betreibt am Firmenstandort sogar eine eigene Grundschule! Betreuungszeiten: 6:50 bis 18 Uhr!

Ein Unternehmen macht Schule? Warum? „Die Betreuungssituation hier in Albstadt war nicht gerade optimal“, sagt Nicolai Wiedmann, Leiter der Berufsbildung beim Hersteller von Maschinennadeln. Zu wenig Plätze in Ganztagsschulen, Kindergärten, die zu früh schlossen, das konnte so nicht weitergehen. „Also haben wir uns als Unternehmen selbst geholfen, Kita und Schule gegründet, damit man hier Kinder und Job unter einen Hut bekommt.“

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das Thema ist ein leidiger Dauerbrenner, nicht nur auf der Schwäbischen Alb. Noch immer gibt es in Deutschland zu wenig Plätze in Kitas und Ganztagsschulen. „Bis zu einem bedarfsgerechten Betreuungsangebot haben wir noch ein gutes Stück Weg vor uns“, bekräftigt Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK).

  • Beispiel Kitas: Laut Statistischem Bundesamt wurden im März rund 662.000 Kinder unter drei Jahren in Kitas oder in der Tagespflege betreut. Das ist jedes dritte Kind. Klingt viel. Ist aber zu wenig! Umfragen zufolge wünschen sich nämlich über 40 Prozent der Eltern ein Betreuungsangebot.
  • Beispiel Schule: Zwar besucht derzeit etwa jeder dritte Schüler in Deutschland eine Ganztagsschule. Die Nachfrage der Eltern aber ist deutlich höher: Laut einer Studie der Gütersloher Bertelsmann Stiftung fehlen bundesweit derzeit 2,8 Millionen Ganztagsschulplätze.

Unter dem fehlenden Angebot leiden beileibe nicht nur die Eltern. Auch die Unternehmen sind betroffen! Eine aktuelle Umfrage des DIHK unter 1.600 Firmen zeigt: Weil die Beschäftigten gerade nachmittags ihre Kinder oft nicht unterbringen können, werden sechs von zehn Unternehmen „erheblich in ihren betrieblichen Abläufen eingeschränkt“. Wansleben: „In mehr als zwei Dritteln aller Betriebe müssen Mitarbeiter deshalb ihre Arbeitszeiten reduzieren.“ Heißt: Die Leute wollen gern arbeiten. Können das aber nicht.

Firma trägt Millionen an Betriebskosten

Immer mehr Firmen helfen sich in ihrer Not selbst. So wie Groz-Beckert im schwäbischen Albstadt. Begonnen hat dort alles vor sechs Jahren mit einer Ferienbetreuung. „Wir sind damals förmlich überrannt worden“, erinnert sich Bildungsleiter Wiedmann.

Daraus enstand die Idee eines „Bildungshauses“ für Kinder vom ersten bis zum zehnten Lebensjahr. Seit einem guten Jahr nun öffnen Betriebs-Kita und -Grundschule morgens in aller Frühe.

Platz ist insgesamt für 180 Kinder, beide Einrichtungen stehen auch Kindern offen, deren Eltern nicht im Betrieb arbeiten. Über 17 Millionen Euro investierte das Familienunternehmen ins neue Gebäude. Dazu, so Wiedmann, kommt jedes Jahr ein „dicker Millionenbetrag“ an Betriebskosten.

Lohnt sich das? „Das ist hier eine strukturschwache Region“, sagt Wiedmann, „wenn wir gute Mitarbeiter finden und halten wollen, müssen wir denen was bieten.“ Gute Kinderbetreuung sei da schon ein Pfund, mit dem man wuchern könne.

Bei Puneet Vij hat das schon gezogen. Der 38-jährige Fertigungsleiter stammt aus Indien, Sohn Shreyas besucht die zweite Klasse der Betriebs-Grundschule. „Gute Schulbildung für die Kinder war mir wichtig“, sagt Vij, „hier passt alles wunderbar, Konzept, Öffnungszeiten und Ausstattung.“

Hintergrund

So familienfreundlich ist die Wirtschaft

  • Enorm gestiegen ist in den letzten Jahren die Zahl der Betriebskindergärten. Laut Statistischem Bundesamt gab es zuletzt 616 solcher Einrichtungen. Das sind doppelt so viele wie noch 2006. Über 30.000 Plätze stehen zur Verfügung.
  • Fast 90 Prozent der Unternehmen unterstützen Familien durch flexible Arbeitszeitmodelle. Eine Steigerung um 10 Prozentpunkte innerhalb von nur zwei Jahren, das ergab eine Umfrage des DIHK. Jede dritte Firma erlaubt sogar Kinder am Arbeitsplatz oder gewährt Betreuungszuschüsse.
  • Ferienzeiten sind für Eltern besonders schwer zu überbrücken. Jedes fünfte Unternehmen organisiert mittlerweile auch eigene Ferienbetreuungen.

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