Arbeitsmarkt

Grenzenlos gelassen


Warum eine bayerische Kleinstadt auf osteuropäische Arbeitskräfte hofft

Am 1. Mai öffnet sich der deutsche Arbeitsmarkt für Tschechen, Polen und die Bürger von sechs weiteren östlichen EU-Ländern. Kommt jetzt der Ansturm osteuropäischer Billig-Löhner? AKTIV hat sich in Furth im Wald an der bayerisch-tschechischen Grenze umgesehen. Und Überraschendes erfahren.

Furth im Wald. Komisch, alles ruhig hier. Autos rumpeln gemütlich über das sanierte Kopfsteinpflaster des Marktplatzes, „Meggys Second-Hand-Lädchen“ lockt an diesem sonnigen Aprilmorgen mit Rabatten, an der Glastür einer Metzgerei laden Plakate zum Schafkopf-Turnier und zur Schülermeisterschaft im Fingerhakeln. Rentner fachsimpeln über die Krise beim FC Bayern, ein Autofahrer streitet mit einer Politesse.

Nervosität? Sucht man vergeblich, hier im bayerischen Furth im Wald.

„Wir freuen uns über viele Tschechen“

Dabei könnte man doch verstehen, wenn gerade die Further dieser Tage bange Blicke auf den Kalender würfen. Denn: Am 1. Mai öffnet sich der deutsche Arbeitsmarkt auch für die Bürger von acht osteuropäischen EU-Staaten. Vielerorts verbreitete Befürchtung: Wegen des Lohngefälles könnte die Öffnung zu einem Ansturm osteuropäischer Billig-Arbeiter, beispielsweise aus Polen oder Tschechien, auf den deutschen Arbeitsmarkt führen. Und heimische Beschäftigte verdrängen.

Wenn es denn so käme, dann wäre Furth im Wald wohl ganz arm dran – das 9.000-Seelen-Örtchen liegt gerade einmal zwei Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt.

Furths Bürgermeister Johannes Müller jedoch entlocken solch apokalyptische Szenarien nur ein gelassenes Schmunzeln.

„Wir würden uns vielmehr freuen, wenn viele Tschechen kämen“, sagt Müller.

Grund ist der Fachkräftemangel: Der Arbeitsmarkt im Landkreis Cham ist leer gefegt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 2,8 Prozent. Unter dem knarzenden Dach des historischen Rathauses ringt Bürgermeister Müller mit den Händen. „Unsere Betriebe finden auf dem heimischen Markt keine Leute mehr. Da ist es doch eine Chance, wenn sie jetzt auch in Tschechien nach Personal suchen können.“

Wie groß diese Chance sein wird, bleibt wohl abzuwarten. Trotz der neuen Arbeitnehmerfreizügigkeit erwarten Experten keinen Massenandrang von Fachkräften aus dem Osten. „Es wird sicher keine Völkerwanderung geben“, sagt etwa Professor Herbert Brücker, Experte für Arbeitsmigration beim Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

„Auch dort gute Arbeit“

Maximal 135.000 Osteuropäer würden zukünftig pro Jahr den Weg nach Deutschland suchen, rechnet Brücker vor. „Das wird keine große Wirkung auf unseren Arbeitsmarkt haben.“

Wenn mal überhaupt so viele kommen. Auch in Ländern wie Polen oder Tschechien brummt die Wirtschaft, werden Fachkräfte gesucht. „Polen mit guter Ausbildung überlegen es sich zweimal, ob es sich lohnt, nach Deutschland zu gehen“, berichtet Anja Huth, Sprecherin der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit. „Es gibt dort mittlerweile ähnlich gute Arbeitsbedingungen wie bei uns.“

Dass dies auch für Tschechien gilt, weiß man in Furth im Wald schon längst. Nur ei-nen Steinwurf von der Ortsmitte entfernt liegt das Flabeg-Werk. Die Firma zählt zu den weltweiten Top-Adressen in der Glasveredelung, fertigt hier Autospiegel und Solar-Systeme.

Und auch Flabeg sucht Fachkräfte. Zwischen den mit weiß-blauem Wellblech verkleideten Werkhallen flitzen Gabelstapler, oben in seinem Mini-Büro erzählt Geschäftsführer Jóska Kulcsár von den Schwierigkeiten, neue Leute zu finden. „Wir suchen seit einem Monat sieben Glasbieger: keine Chance!“

Nun will er also auch in Tschechien suchen. „Wir werden dort die Werbetrommel rühren, uns um die Leute bemühen müssen.“ Von allein, da ist sich der Mann mit dem ungarischen Nachnamen sicher, „wird hier kaum einer zu uns kommen“.

Vielleicht wird langfristig sogar das Gegenteil passieren. „Wenn sich die wirtschaftlich starke Entwicklung in Tschechien fortsetzt, werden zukünftig verstärkt Deutsche in Tschechien arbeiten“, glaubt Johann Braun, Leiter der für Furth im Wald zuständigen Arbeitsagentur in Cham.

„Skoda-Schlangen – das war einmal“

Schon heute, berichtet Braun, arbeiten gut 600 Deutsche aus dem Kreis Cham jenseits der Grenze. Demgegenüber sei die Zahl der mit Arbeitserlaubnis hier tätigen Tschechen von 3.000 auf nur noch 900 gesunken. Der Grund sei klar: „steigende Löhne in Tschechien“.

Einer von denen, die noch kommen, ist Josef Stofka. Der Maschinenschlosser fährt täglich die 20 Kilometer vom tschechischen Kdyne zur Arbeit ins Further Flabeg-Werk. „Mich hat der Job hier gereizt“, sagt Stofka. Sonst kenne er daheim aber niemanden, der nach dem 1. Mai auf Arbeit in Deutschland spekuliere. „Lange Schlangen von Skodas an der Grenze“, grinst Stofka, „das war einmal. Und ist lange her.“

Ulrich Halasz

Freiheit für Osteuropas Arbeitskräfte

Das steckt hinter der neuen „Arbeitnehmerfreizügigkeit“

Nach der Freude kam der Kater. Zwar wurde der Beitritt von acht mittel- und osteuropäischen Ländern zur EU im Jahr 2004 als wichtiger Schritt zur Vereinigung Europas gefeiert. Andererseits aber machten sich Altmitglieder wie Deutschland Sorgen um den eigenen Arbeitsmarkt.

Aus Angst vor ungezügeltem Zuzug von Billig-Arbeitskräften begrenzten sie daher die Freiheit der Arbeitsplatzwahl für Bürger der neuen Mitgliedsstaaten. Das war allerdings für maximal sieben Jahre möglich – und diese Übergangsfrist läuft nun am 1. Mai 2011 aus.

Ab diesem Tag können Bürger aus Polen, Tschechien, Slowakei, Slowenien, Ungarn, Estland, Lettland und Litauen überall in der EU ohne Einschränkung arbeiten.

Zwar durften auch zuvor Bürger dieser Staaten hierzulande tätig sein, allerdings konnte Deutschland den Zuzug kontingentieren und an Auflagen knüpfen.

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