Einzelhandel

Gib Gummi!


Irre: Laden mitten in der Stadt verkauft nur Artikel aus Kautschuk

Köln. Cool ist anders. Allein schon der Name des Ladens wirkt bieder: Gummi Grün! Dazu passt auch das Ambiente: typisch 60er-Jahre. Kein Chrom, nichts funkelt. Das ist auch gut so, meint Inhaber Gerhard Zilles: „Unser Durchschnittskunde ist um die 50. Und der mag es halt bodenständig.“

Dabei ist das Kölner Geschäft in bester City-Lage eine kleine Attraktion – ein Warenhaus mit einer ungewöhnlichen Produktpalette. Denn es verkauft nur Erzeugnisse aus Kautschuk. Gummi eben.

„Nur“ ist da wohl ein bisschen untertrieben. Denn Zilles hat rund 1.200 Artikel im Sortiment. Einen Laden, der so viel Gummi gibt, dürfte man in Deutschland wohl kein zweites Mal finden.

Dichtungen, Trichter, Messbecher, Wärmflaschen, Gießkannen, Vinyl-Schürzen, Reserve-Kanister, Badekappen und Polster oder Saugglocken für verstopfte Klos kann man hier kaufen.

Dichtungen für Hochwasserwände

Zilles bedient eine Frau, die Gummi-Ringe fürs Ohr-Piercing braucht. Der 57-Jährige kramt in der Schublade, schiebt acht Stück übern Tresen: „Macht 4,32 Euro.“ Piercing-Produkte und Gummi Grün: Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Auch der Laden mit langer Tradition muss neue Trends aufgreifen, um zu überleben.

Gegründet im Jahr 1884 verkaufte er zunächst nur Dinge aus Naturkautschuk. Wie Laken für Wöchnerinnen.

Das änderte sich 1909, als der Chemiker Friedrich Hofmann sein „Verfahren zur Herstellung von künstlichem Kautschuk“ patentieren ließ – und somit den Grundstein für eine Industrie legte, die 2010 allein bei uns gut 10 Milliarden Euro umgesetzt hat. Die Branche, vor allem bekannt durch Reifenhersteller wie Goodyear, gibt hierzulande 70.000 Menschen Arbeit.

Und mit dem Aufkommen des künstlichen Gummis kam auch der Durchbruch für Gummi Grün. Heute beschäftigt Zilles sieben Mitarbeiter, davon zwei Teilzeitkräfte.

Sogar eine Werkstatt gibt es hier, wo Fußmatten zugeschnitten, Dichtungen gestanzt werden. Zilles: „Wir fertigen auch schon mal nach Konstruktionszeichnung des Kunden.“

Denn zum Käuferkreis gehört nicht nur Otto Normalverbraucher. Selbst Industrie-Betriebe ordern hier. „Einer großen Bau-Firma haben wir im Dezember Spezialdichtungen für Hochwasserwände geliefert.“

Ohne solche Abnehmer ließe sich der individuelle Service kaum aufrechterhalten. Und ohne sie wäre der zentrale Standort zu kostspielig.

Von Köln in die große weite Welt

Viele der Gummi-Artikel würde man zwar auch im Baumarkt bekommen – „aber bei uns gibt es die auch einzeln. Und in Sondergrößen.“ So lässt sich ein Kunde aus Costa Rica, gebürtiger Kölner, alle paar Jahre Gummi-Stiefel mit der Größe 52 einfliegen.

Der Laden bietet zudem Ersatzteile für alte Autos. Jüngst gingen 25 Scheibendichtungen für DKW des Typs 1.000 SP raus. Nach Südafrika. An einen Oldtimerclub.

Und weil 2011 gleich sieben Landtagswahlen anstehen, dürfte auch das für Umsatz in Köln sorgen. Noch immer müssen die Wahlergebnisse per Hand ausgezählt werden – und das geht mit Fingerlingen besser. Zilles: „Wir haben sie in allen Größen.“

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