Textiles Tauwerk

Geo Gleistein nimmt Ozeanriesen an die Leine

Bremen. Seine Oberarmmuskeln spannen sich. Torsten Hallfeldt packt das Spleißwerkzeug und zieht kräftig. „Das ist Handarbeit pur“, sagt der 47-Jährige, lockert die Finger und legt sich erneut kräftig ins Zeug.

Mithilfe seiner Muskelkraft fügt sich in der Werkhalle des Bremer Tauwerk-Herstellers Geo Gleistein die Schlinge eines armdicken Seils zusammen. Das 20 Meter lange Tau wird als „Recker“ dabei helfen, zum Beispiel Container-Schiffe am Hafenkai sicher zu vertäuen.

„Sicherheit ist dabei keine Frage der Größe“, sagt Betriebsleiterin Anke Neuner. Ob die Textiltaue weniger als einen Zentimeter dick sind oder den Durchmesser von der Größe eines Bodybuilder-Bizeps haben: „Wir konstruieren sie mit einem Sicherheitsfaktor von sieben“, erklärt Neuner. Das heißt: Eine Hebeschlinge, die bis zu 100 Tonnen schwere Generatorgondeln für Windkraftanlagen am Haken hat, muss siebenmal mehr an Gewicht aushalten können.

Die geflochtenen Kraftpakete, von denen bei Gleistein jährlich 800 Tonnen in über 5.500 Tauvarianten produziert werden, bestehen etwa aus Polyester und Polyamid oder aus der Hightech-Faser Dyneema, einem hochmodularen Polyethylen. Mit ihnen setzte das 1824 gegründete Unternehmen im vergangenen Jahr 19 Millionen Euro um.

Eine Schlankheitskur für das teure Seil

Manche dieser dünnen Fasern kosten weit über 100 Euro – pro Kilo. Neuner: „Deshalb ringen wir um jedes Gramm Gewicht, das wir einsparen können.“ Mit einem speziellen Verfahren, dem thermischen Recken, werden Seile in die Länge gezogen. Sie gewinnen an Festigkeit, werden dünner und länger. Dadurch holt man das Maximale aus der teuren Faser heraus. „Viele Kunden brauchen eine bestimmte Dicke, um die Taue durch Ösen oder über enge Umlenkungen ziehen zu können“, sagt Neuner. Generell gehe der Trend hin zu dicken Seilen mit hoher Bruchlast.

Für nahezu jede Anwendung haben die Spezialisten das passende Produkt parat. In der Seilerei und Schwerflechterei laufen die Anlagen auf Hochtouren, gearbeitet wird derzeit in drei Schichten.

Dort entstehen gerade Draht-Faserseile, die in Klettergerüsten stecken. „Sie sind besonders jetzt in der beginnenden Sommerzeit gefragt“, so Neuner. Hinzu kommen Bergsteiger- oder Kabelzugseile. Die meisten Textil-Taue gehen in den Schifffahrt- und Wassersportbereich. Dort rüstet Gleistein etwa Regatta-Segelbote aus, die bei Rennen wie dem America’s Cup mitfahren.

Mit dem Tochterunternehmen Updraft hat sich Gleistein ein zweites Standbein in der Windenergiebranche aufgebaut. Es stellt Hebeschlingen für den Aufbau von Windrädern her. Damit dabei nichts schiefgeht, zerrt und dehnt Jascha Daniel im Prüflabor Taue, dass die Fasern nur so fliegen. Der Chemielaborant spannt Seilproben auf eine Anlage, die eine Zugkraft von 300 Tonnen aufbringt. Möglich macht das eine sechs Meter lange Hubstange, die die Taue wahlweise bis zum Riss belastet oder über längere Zeit wechselnden Lasten aussetzt. Daniel: „Ich kenne sonst kein Labor, das solch eine Prüfung durchführen kann.“

Diese Tests müssen auch Torsten Hallfeldts Schlingen, an denen er bis zu sechs Stunden arbeitet, überstehen. Der gelernte Malermeister ist zur See gefahren und kam vor einem halben Jahr zu Gleistein. Hallfeldts Handarbeit fasziniert auch Kollege Raffael Svercsek. Der 23-Jährige ist in der Ausbildung zum Seiler und kam über die Zeitarbeit zu dem Tauwerkspezialisten. Das Interesse an der Ausbildung sei langsam gewachsen. Dann kam der Kick: „Richtig gepackt hat mich die handwerkliche Arbeit. Als fertiger Seiler bin ich begehrt“, ist Svercsek überzeugt.

Stimmt: Seine Berufsschulklasse zählt gerade mal 16 angehende Seiler – es ist die einzige für ganz Deutschland. Um am Blockunterricht teilzunehmen, muss er ins bayerische Münchberg reisen – 500 Kilometer entfernt von seinem eigentlichen Arbeitsplatz.


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