Neue Arzneimittel retten Leben

Gentechnik: Bayer HealthCare holt Medikament aus den USA nach Deutschland

Leverkusen. Julian (4) hopst vergnügt auf einem Trampolin herum, die Zukunft liegt vor ihm. Wäre er einige Jahrzehnte früher zur Welt gekommen, verliefe sein Leben nicht so unbeschwert: Julian leidet an der Bluterkrankheit (Hämophilie). Ihm hilft ein gentechnisch hergestelltes Medikament von Bayer HealthCare.

An der Krankheit leiden weltweit rund 400.000 Menschen. Für sie bedeuten kleine Verletzungen eine große Gefahr. Julians Blut gerinnt nicht so, wie es soll, weil es ihm an einem speziellen Eiweiß (Faktor VIII) mangelt: Wunden heilen nur langsam oder öffnen sich wieder. Blutungen können nach geringfügigen Verletzungen oder sogar ohne Anlass auftreten.

Mithilfe des seit 1994 gentechnisch hergestellten Bayer-Medikaments (Kogenate) wird der fehlende Faktor im Blut ersetzt – nach einiger Zeit baut er sich jedoch wieder ab. Deshalb muss der kleine Patient ihn mehrmals pro Woche spritzen. Aktuell prüft das Unternehmen ein länger wirksames Molekül, das man nicht so häufig anwenden muss. Die Produktionskapazitäten dafür entstehen gerade an den Konzern-Standorten Wuppertal und Leverkusen in Nordrhein-Westfalen.

500 neue Stellen entstehen am Standort

Gut eine halbe Milliarde Euro fließt in das Projekt, 500 neue Jobs sollen bis 2020 entstehen: „Diese Investition ist eine der größten in der Geschichte des Teilkonzerns Bayer HealthCare“, so der Chef der Bayer-Gesundheitssparte, Olivier Brandicourt.

Dabei hätte der Standort schon viel früher von dem erfolgreichen Medikament (Umsatz 1,2 Milliarden Euro im Jahr 2013) profitieren können: Als es 1980 entwickelt wurde, sollte Wuppertal Standort für das Werk sein. Eine Fabrik für Gentechnik-Medikamente ließ sich in Deutschland jedoch nicht realisieren. Das Unternehmen entschied sich deshalb für Berkeley in Kalifornien, USA.

„Die Stimmung war damals gegenüber Gentechnik sehr negativ“, weiß Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) in Berlin. Um das Jahr 2000 änderte sich das spürbar: „Es kamen gentechnisch hergestellte Medikamente auf den Markt, zu denen es keine Alternative gab“, so der Experte. Etwa monoklonale Antikörper gegen Brust- und Darmkrebs, Lymphome und Gelenkrheuma oder Alpha-Interferon gegen Hepatitis C von Pharma-Konzernen wie Roche, Merck, MSD und Amgen. Hömke: „Das ließ die Bevölkerung umdenken.“ Mehrere deutsche Produktionsstandorte starteten durch.

Zentren in Frankfurt, Biberach und Penzberg

Heute sind 167 gentechnisch hergestellte Arzneimittel mit 126 Wirkstoffen in Deutschland zugelassen. Auf der Liste der Länder, die die Produktionsverfahren beherrschen, liegt die Bundesrepublik nach den USA inzwischen auf Platz zwei. Wie kommt das? „Biotechnologie ist extrem anspruchsvoll“, erklärt Hömke. „Hier gibt es das Know-how dafür und gut ausgebildetes Personal.“

Nach jüngsten Zählungen befassen sich bundesweit 386 Unternehmen mit der medizinischen Biotechnologie. Die größten Produktionszentren sind Frankfurt, Biberach (Baden-Württemberg) sowie Penzberg (Bayern). Wuppertal dürfte in Kürze ebenfalls dazugehören.

Fakten

Gentechnisch hergestellte Medikamente

  • Bei gentechnischen Verfahren produzieren Bakterien, Hefe- oder Säugetierzellen die Wirkstoffe quasi „nach Anweisung“. Stets sind das Proteine (Eiweiße) wie etwa Insuline für Diabetiker oder Gerinnungsfaktoren für Bluterkranke.
  • Den Bauplan dafür haben Wissenschaftler erzeugt und dann in die Produktionszellen eingebracht. Diese Zellen vermehren sich und bilden Proteine, die man erntet.

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