Eisengiesserei

Ganz schön kernig

Eine Gießerei ist nichts für Frauen? Von wegen, wie das Beispiel Baumgarte zeigt

Bielefeld. Jetzt wird’s ernst: Zwei Männer schlüpfen in silbrig glänzende Mäntel, klappen das Visier herunter. Und nähern sich, jeder mit einer Stange bewaffnet, der bedrohlich blubbernden Masse. Es ist glühendes Eisen, 1.400 Grad heiß. Die Männer stochern mit ihren Stangen in der „Lava“, entfernen die Schlacke, die sich oben absetzt. Denn die würde im Guss stören.

Bei der Eisengiesserei Baumgarte in Bielefeld geht es heiß her. Hier arbeiten nur harte Jungs, die keine Angst haben vor Hitze und Staub, denkt man. Halt nichts für Weicheier. Und Frauen.

Typischer Fall von Denkste, wie das Beispiel Ramona Wiener (28) zeigt. Wenige Meter von den Öfen entfernt taucht die junge Frau Sandkerne in eine gelbe Flüssigkeit, eine Schutzschicht. Kerne braucht man, um Produkte mit Hohlräumen zu gießen. Ohne die Kerne aus betonhartem Sand würde die Form komplett mit Eisen volllaufen.

Ramona Wiener ist gelernte Friseurin. Doch der vermeintliche Traumberuf machte ihr keinen Spaß mehr. Also schmiss sie den alten Job, jobbte eine Zeit lang in einer Druckerei, kam dann zu einer Zeitarbeitsfirma – und lernte so Baumgarte kennen. Seit Anfang August gehört sie nun zur Stammbelegschaft.

Genauso wie ihre Kollegin Katharina Dyck (23), die früher ihre Brötchen als Bäckereifachverkäuferin verdiente: „Jetzt sind die Arbeitszeiten geregelter. Und vor allem — es gibt deutlich mehr Geld.“

25 neue Mitarbeiter

Das hört ihr Arbeitgeber gern. Denn der hat dank Mund-zu-Mund-Propaganda so manche gute Kraft gewonnen. Gerade jetzt ist jede helfende Hand gefragt. Es boomt wie noch nie, die Lieferzeiten haben sich glatt verdoppelt. Geschäftsführer Ulf Schliephake: „Deshalb haben wir in diesem Jahr 25 neue Mitarbeiter eingestellt.“ Dazu kommen noch mal zehn Leiharbeiter.

Baumgarte ist kein Einzelfall. Die gesamte Branche hat Hochkonjunktur. 2007 dürfte das fünfte Rekordjahr in Folge werden. Seit 2002 legte die Produktion der Betriebe um fast ein Fünftel auf 5,5 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr zu. Inzwischen liegt die Auslastung im Schnitt bei traumhaften 96 Prozent.

Klaus Urbat, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Gießereiverbandes (DGV) vergleicht die Arbeit der 630 Gießereien sportlich: „Die Firmen machen Klimmzüge, um ihre Kunden zu bedienen.“

Kein Wunder: Die Weltwirtschaft läuft derzeit auf Hochtouren, und kaum ein Industriezweig kann auf Gussteile verzichten. Egal ob Autos, Flugzeuge, Maschinen, Kühlschränke oder Laptops – in all diesen Produkten stecken Gusserzeugnisse. Und in Pumpen, für die Baumgarte die meisten Gussteile liefert.

Frühere Kunden kommen wieder Klasse statt Masse ist das Erfolgsrezept der Firma. Nicht die Tonnage ist entscheidend. Sondern der technologisch hochwertige, maßgeschneiderte Guss. Mittlerweile klopfen auch wieder ehemalige Kunden an, die Schliephake für immer verloren glaubte.

Darunter ein Unternehmen, das zur tschechischen Günstig-Konkurrenz gewechselt war. Doch es gab Probleme mit der Qualität. Schliephake: „Dieser Kunde ist wohl der beste Beweis dafür, dass wir mit unserer Strategie goldrichtig liegen.“

Wilfried Hennes

 

Info: Eisengiesserei Baumgarte GmbH

Egal ob Klangkörper für Konzertflügel, Gelenke für „Ziehharmonika“-Busse, Türschließergehäuse, Maschinenteile, Auspuffkrümmer oder Pumpengehäuse: In vielen Produkten kommen die Gussteile der Eisengiesserei Baumgarte zum Einsatz. Die Westfalen setzten 2006 rund 35 Millionen Euro um. 150 Unternehmen sind Kunde. Baumgarte beschäftigt 209 Mitarbeiter, darunter neun Auszubildende.

www.eisengiesserei-baumgarte.de


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