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Frauen-Power am Steuer


Deutschlands erstes Autohaus mit rein weiblichem Personal

Hennigsdorf. Und dann ist da doch ein Mann. Noch dazu einer mit nacktem, durchtrainiertem Oberkörper, der Janine Schubert anlächelt. Sie beugt sich über die offene Kühlerhaube und schraubt den Ölfilter auf.

„Den haben wir geschenkt bekommen und dann halt aufgehängt“, kommentiert die Kfz-Mechatronikerin mit einem Schulterzucken den Kalender mit Männer-Pinups. Der hängt zwischen säuberlich aufgereihtem Werkzeug.

Sonst ist die Werkstatt eine männerfreie Zone. Denn in Deutschlands erstem reinen Frauen-Autohaus sind Schubert und zwei Auszubildende die Techniker.

Die meisten Kunden sind Männer

Sie arbeiten in Hennigsdorf, am nördlichen Stadtrand von Berlin. Das weibliche Personal ist zwischen 19 und 26 Jahre alt. Ihr anregendes Firmenlogo: ein Kussmund.

Das zieht offenbar. „Zu 70 Prozent kommen Männer“, sagt Geschäftsführerin und „Fräulein“ Maria Erkner, nach der das Seat-Autohaus „Señorita Maria“ benannt ist. Denn diese Marke des VW-Konzerns kommt aus Spanien.

Die 23-jährige Chefin vermutet: „Die Männer sind neugieriger aufs Personal als auf die Neuwagen.“ Und der geballte Charme des weiblichen Geschlechts scheint zu wirken: Im ersten Monat nach Eröffnung, im vergangenen Oktober, haben die „Señoritas“ elf Fahrzeuge verkauft – und das nach dem Ende der Abwrackprämie. Im Moment läuft es zäher, aber Erkner hofft auf den Frühling.

Wie sie da so hochpoliert und in Reihe präsentiert sind, machen die Ausstellungsstücke Lust auf einen neuen Flitzer – ganz so, wie man das aus anderen Autohäusern kennt. Doch das Team will die eingefahrenen Verkaufsriten und „die herrschende Männer-Dominanz“ gehörig aufwirbeln, so Erkner: „Wir haben Kundinnen, die verschämt berichten, dass sie noch nie allein in einem Autohaus waren.“

Die Betriebswirtin weiß, wovon sie spricht: Während ihres Studiums jobbte sie in den acht VW-Autohäusern ihres Vaters. Der führt das Imperium ihres Großvaters im Berliner Umland weiter und beschäftigt 250 Mitarbeiter.

Beratung erregt Aufsehen

Überall dasselbe Bild: „Kommt ein Paar ins Autohaus, spricht der Verkäufer meistens nur mit dem Mann“, schildert Erkner ihre Erlebnisse. Die Frauen schalteten ab, ihre Meinung sei ohnehin nicht gefragt.

Eine Riesen-Chance für „Señorita Maria“ – die Serviceberaterin Jennifer Dambeck auch nutzt: Sie erklärt, wenn es sein muss jede Schraube auf der Rechnung. „Bei Ihnen klappert’s im Radlagergehäuse – das versteht doch keiner. Ich zeige, dass hier, wo man das Rad anschraubt, was lose ist.“

Auch Männer seien dankbar für anschauliche Erläuterungen. „Ist ja nicht jeder Kerl ein Auto-Profi“, sagt sie mit kokettem Augenaufschlag.

Dass diese Form der Beratung Aufsehen erregt, ist Erkners Vater und Geldgeber Sven Erkner nur recht. „Marketing-Gag hin oder her: Wir packen in der Konjunkturkrise zumindest an, statt rumzujammern.“

Seine Vorgabe: Spätestens im September muss der Laden aber Gewinn machen. Kein geringer Druck also, der auf den jungen Frauen lastet.

Sie wollen vor allem mit gutem Service überzeugen. So prüft Lehrling Jeanny Hahnel unter dem Blick von Mechatronikerin Schubert in der Werkstatt, ob Bremsen oder Motorteile verschlissen sind.

Selbstständig und zupackend

Schubert, die auch Lehrlingsbeauftragte ist, beginnt währenddessen schon eine Neuwagen-Übergabe vorzubereiten. „Mir gefällt, dass wir hier sehr selbstständig arbeiten können“, sagt sie zwischen zwei Handgriffen. Sie lernt außerdem abends und am Wochenende für ihren Meisterbrief.

Unterschiede zu gemischten Teams fallen der Mechatronikerin, die zuvor in einer anderen Werkstatt gearbeitet hat, zunächst nicht ein.

Dann meint sie: „Männer wollen einem höchstens mal was abnehmen. Wenn sie denken, das wär zu schwer zu tragen.“ Als Bevormundung oder Besserwisserei scheint sie das nicht zu sehen.

Die angehende Kfz-Mechatronikerin Hahnel erzählt: „Ab und zu fragt mich Janine schon mal, ob ich klarkomme.“ Zwischen Verkehrsmeldung und nächstem Hit, der aus dem Werkstattradio dudelt, sagt sie: „Aber das ist doch normal, wenn man Lehrling ist – egal, ob Junge oder Mädchen.“

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