Globalisierung

Firmen erwarten gute Geschäfte in Brasilien

Amberg/Rosenheim/München. Die ganze Welt im Fußballfieber: Am 12. Juni wird in Brasilien das Eröffnungsspiel der Fußball-WM angepfiffen. Und in zwei Jahren folgt das nächste Mega-Event am Zuckerhut: die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro. Sport-Fans schauen derzeit voller Vorfreude nach Südamerika – genauso wie die Wirtschaft.

Denn Brasilien bietet einen riesigen Markt mit guten Entwicklungschancen und einer jungen Bevölkerung. Das Land trägt mehr als die Hälfte zur Wirtschaftsleistung des gesamten südamerikanischen Kontinents bei.

Jüngst geriet die Entwicklung zwar etwas ins Stocken. Die gewohnten Wachstumsraten von durchschnittlich mehr als 4 Prozent pro Jahr sanken zuletzt deutlich. Auch die Inflation liegt mittlerweile bei relativ hohen 6 Prozent. Allein wegen seiner 200 Millionen Einwohner bleibt das Land für ausländische Unternehmen aber attraktiv – auch für Firmen in Bayern.

2013 wurden aus dem Freistaat Waren im Wert von 1,8 Milliarden Euro geliefert, rund zwei Drittel davon von der Metall- und Elektroindustrie. Brasilien kletterte in der Exportstatistik von Rang 29 im Jahr 2002 auf Platz 20. Zudem investieren bayerische Firmen dort, zum Beispiel die großen Autohersteller.

Audi will von 2015 an das VW-Werk in Curitiba für die Produktion des Kompaktwagens A3 nutzen. Und BMW baut gerade in Araquari die erste eigene Fertigung auf dem Kontinent auf. Ab diesem Herbst sollen dort die Modelle Mini, 1er, 3er sowie die Geländewagen X1 und X3 vom Band rollen – insgesamt bis zu 30.000 Autos im Jahr.

Doch nicht nur die ganz Großen setzen auf Brasilien. „Der Markt ist auch für uns sehr wichtig“, sagt Ralf Hoppe, Sprecher des Fahrzeug-Zulieferers Grammer in Amberg. Das Unternehmen mit weltweit rund 10.000 Mitarbeitern erwirtschaftet in dem südamerikanischen Land mehr als 5 Prozent seines Umsatzes, rund 70 Millionen Euro im Jahr.

Im brasilianischen Werk Atibaia vor den Toren São Paulos fertigen rund 600 Mitarbeiter Sitze für Lkws, Traktoren und Baumaschinen, die in Südamerika produziert werden. „Die Nachfrage schwankt zwar stark“, sagt Hoppe, „aber langfristig wächst sie.“ Er rechnet zum Beispiel für Südamerika schon in fünf Jahren mit einer Produktion von mehr als 300.000 schweren Lkws und Bussen. 2013 waren es 270.000, mehr als 85 Prozent davon wurden in Brasilien gebaut.

Wachstumschancen auch für Medizintechnik

Zudem läuft im Grammer-Werk in diesem Jahr die Produktion von Kopfstützen für Pkws an. Dafür wird der Standort gerade ausgebaut. „Wir hoffen, langfristig auch einen Fuß in den Pkw-Markt zu bekommen“, sagt der Grammer-Sprecher. Das Unternehmen hat vor allem hochwertige Fahrzeuge im Blick. Hoppes Hoffnung: „Die Mittelschicht wächst und wird sich in Zukunft auch Premiumfahrzeuge leisten können.“

Auf die steigende Nachfrage nach höherwertigen Produkten setzt in Brasilien auch der Antennenhersteller Kathrein in Rosenheim. „Mit dem Wohlstand der Menschen steigen eben auch die Ansprüche“, sagt Norbert Schindler, Mitglied der Geschäftsleitung, der neben dem Bereich Finanzen auch das Südamerika-Geschäft verantwortet.

Vor allem in die Telekommunikationsinfrastruktur investieren die Brasilianer derzeit, berichtet Schindler. Das hänge auch mit der Fußball-WM und Olympia zusammen. „Der Ausbau der schnellen LTE-Technik macht uns gerade sehr viel Freude“, sagt er.

Aber auch Sat-Receiver und große Rundfunk-Antennen finden derzeit ihre Abnehmer. Kathrein rechnet in den kommenden Jahren mit deutlichen Zuwächsen in Südamerika. „Auf dem Kontinent machen wir schon heute rund 5 Prozent unseres Umsatzes“, sagt Schindler. „In fünf Jahren sind 10 Prozent nicht unrealistisch.“

Ähnlich optimistisch ist auch KraussMaffei, ein Münchner Hersteller von Maschinen zur Kunststoffverarbeitung. „Brasilien birgt ein großes Marktpotenzial“, prognostiziert Klaus Jell, Leiter der brasilianischen Tochtergesellschaft.

Die Unternehmensgruppe mit 4.000 Mitarbeitern in der Welt ist derzeit vor allem als Automobil-Zulieferer gefragt und hofft, das Geschäft noch auszuweiten. Traditionell profitiert sie auch vom beständigen Ausbau der Infrastruktur im aufstrebenden Brasilien. Rohre für Wasserversorgung, Tür- und Fensterprofile sowie Platten und Folien zur Isolierung – die Produkte werden auch mit den deutschen Maschinen der Marke KraussMaffei Berstorff hergestellt.

Neue Wachstumschancen könnten sich in der Medizintechnik ergeben. Unter der Marke Netstal liefert KraussMaffei schon heute Produktionsanlagen für Kanülen von Spritzen sowie Infusionsschläuche und -behälter. Tendenz steigend. Standortchef Jell: „Die 200 Millionen Menschen in Brasilien möchten auch von verbesserten medizinischen Standards profitieren.“

Fakten

So stark wie Frankreich

  • Bevölkerung: Von den 200 Millionen Brasilianern ist rund ein Viertel jünger als 15 Jahre.
  • Wirtschaftskraft: Das Bruttoinlandsprodukt beträgt 1,6 Billionen Euro. Das ist auf dem Niveau Frankreichs und Rang sechs in der Welt.
  • Außenhandel: 2013 wurden Waren im Wert von 173 Milliarden Euro exportiert (Import: 171 Milliarden). Davon gingen 3 Prozent nach Deutschland (Import: 6 Prozent).

Interview

Foto: Brazil Board
Foto: Brazil Board

„Wir sind die natürlichen Partner“

Die Perspektiven in Brasilien erklärt Rafael Haddat, Geschäftsführer des Unternehmergremiums „BDI Brazil Board“ beim Bundesverband der Deutschen Industrie.

Weshalb sollten deutsche Firmen Brasilien auf der Liste haben?
Der Markt ist mit mehr als 200 Millionen Menschen riesig. Die Bevölkerung ist jung, die konsumfreudige Mittelschicht wird größer. Zudem wachsen die Ansprüche. Der Wunsch nach hochwertigen Produkten spielt deutschen Unternehmen in die Hände – auch wenn die Marke „Made in Germany“ kein Selbstläufer mehr ist.

In welchen Branchen sind die Chancen denn besonders groß?
Die Mega-Themen sind Mobilität, Energie und Gesundheit. Überall ist die deutsche Industrie stark. Brasilien und Deutschland sind deshalb natürliche Partner.

Sind eigene Standorte in Brasilien wichtig?
Nur zu exportieren, kann sich im Einzelfall lohnen. Langfristig sollte es jedoch das Ziel sein, im Land selbst zu produzieren.

Warum?
Es gibt immer noch hohe Zölle auf Importe. Außerdem wurde der brasilianische Real zuletzt stark abgewertet, und das hat Einfuhren nach Brasilien verteuert. Zudem darf man die Kosten für die Logistik nicht unterschätzen. Transporte sind nicht nur von Europa nach Brasilien teuer, sondern auch innerhalb des Landes.

In den vergangenen zwei Jahren ist Brasilien etwas aus dem Tritt gekommen. Die Wirtschaft wuchs langsamer. Ist das kein Grund zur Sorge?
Nein. Das Land muss nur dringend mehr in Bildung und Infrastruktur investieren. Das kam bislang zu kurz. Aber die Gesellschaft hat das verstanden. Es ist nur noch die Frage, wann diese Investitionen kommen, nicht mehr ob.

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