Globalisierung

Feuer und Flamme für Indien


In der Ferne Flagge zeigen lohnt sich: Das erfährt auch die Siegerländer Firma Walzen Irle

Günther Sting fährt schon wieder nach Indien. Nach Panchkula. Der Schlosser aus Deuz bei Siegen kennt sich allmählich aus in der Retorten-Stadt am Fuße des Himalaya. Dort hat sein Arbeitgeber, das Unternehmen Walzen Irle, 2008 ein Joint Venture mit einem indischen Partner gegründet. Und Sting war von Anfang an dabei.

Er half, die Maschinen in Deuz ab- und in Panchkula wieder aufzubauen, wies die neuen Kollegen ein. „Sie lernen unglaublich schnell“, lobt er. Oft fehlt das Werkzeug, was die Mitarbeiter mit Improvisationstalent wettmachen. Und wenn die Englischkenntnisse nicht reichen, hilft man sich mit Zeichensprache weiter.

Anfangs war Sting ein wenig mulmig zumute: die unbekannte Kultur, die tropischen Krankheiten – und nicht zuletzt der Gedanke, dass wegen Indien Arbeitsplätze zu Hause wegfallen könnten.

Schon nach einem Jahr schwarze Zahlen

Die Firma lässt in Panchkula Walzen mit höchstens sechs Tonnen Gewicht fertigen. In der Stahlverarbeitung werden sie eingesetzt, um Drähte und Rohre zu formen. Lebensmittelproduzenten pressen damit Öl, mahlen Getreide oder flocken Cornflakes. Der Markt ist zwar groß, aber auch die weltweite Konkurrenz. Längst lassen sich Walzen dieser Größe in Deutschland nicht mehr profitabel herstellen.

Geschäftsführer Jaxa von Schweinichen: „Wir wollten diese Produkte komplett aufgeben. Andererseits hatten wir hier gute Maschinen, das Know-how und den Kundenstamm dafür: Zu schade, das alles zu verschrotten.“ Die Alternative: Panchkula. Dort sind die Arbeitskosten 25-mal niedriger als bei uns. Schon nach einem Jahr schrieb die Fabrik, die das Gros der Rohre in Indien verkauft, schwarze Zahlen.

Und die Zukunft sieht gut aus: Die Wirtschaft Indiens wächst laut Prognose des Internationalen Währungsfonds 2010 um fast 10 Prozent. Selbst im Krisenjahr 2009 waren es 6 Prozent. Deutschland ist der drittgrößte Warenlieferant.

„Natürlich waren wir anfangs skeptisch“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Helmut Kretzer. „Aber bei uns in Deuz gingen keine Stellen verloren.“

Belegschaft am Gewinn beteiligt

Denn Walzen Irle hat in den vergangenen fünf Jahren am Stammsitz rund 30 Millionen Euro investiert, 50 Mitarbeiter neu eingestellt – und so die Bedingungen geschaffen, Walzen bis zu 130 Tonnen Gewicht herzustellen.

Solche Riesen werden in einem Stück im Schleudergussverfahren hergestellt: Dabei verteilen enorme Fliehkräfte  beim Drehen das flüssige Metall gleichmäßig in der Form. „Auf der ganzen Welt kann das außer uns nur noch ein Wettbewerber“, sagt der Geschäftsführer.

Gefragt sind die ganz großen Walzen, vor allem in der Stahl-Industrie, um Bleche und Profile zu formen. Irle liefert sie auch nach Indien. In dem Fernost-Land sieht von Schweinichen weiteres Marktpotenzial: „Unsere Mitarbeiter vor Ort sind gerade dabei, Kontakte zu den Stahl-Unternehmen zu knüpfen.“

Wenn die zu Vertragsabschlüssen führen, wird sich auch Günther Sting freuen: Er ist nämlich wie die ganze Deuzer Belegschaft am Unternehmensgewinn beteiligt. Die letzte Jahresausschüttung war im Sommer. „Die war ordentlich“, sagt der Schlosser, „und kam vor dem Urlaub gerade recht.“

 

Info: Walzen Irle

Das Familienunternehmen mit Sitz in Deuz bei Siegen fertigt Walzen mit bis zu 130 Tonnen Gewicht. Sie werden in der Stahlverarbeitung sowie in der Papier-, Kunststoff- und Lebensmittel-Industrie eingesetzt. Walzen Irle hat rund 300 Mitarbeiter und 40 Auszubildende in Deuz, außerdem weitere 75 Mitarbeiter in einem Joint Venture in Indien. 2009 setzte die Firma 56 Millionen Euro um, Exportanteil: 80 Prozent.

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