Neuer Ausbildungsberuf

Faszination in drei Dimensionen


Technischer Produktdesigner soll Ingenieure und Konstrukteure unterstützen

So funktioniert es bei Sell in Homberg

Homberg (Ohm). Wie von Geisterhand bewegt sich das Teil frei schwebend im virtuellen Raum auf dem Computerbildschirm von Marco Ramosino. Wie sieht es von vorne, von hinten und von der Seite aus? Wie ist das Innenleben?

Marco kann diese Fragen leicht beantworten. Per Mausklick dreht und wendet er das Teil auf dem Bildschirm seines Computers und ermöglicht so den Blick auch auf kleinste Details.

Beim Flugzeugausrüster Sell in Herborn lernt der 19-Jährige im dritten Ausbildungsjahr den Beruf des Technischen Produktdesigners. Im Rahmen einer Projektarbeit muss er ein Wärmefach für die Bordküche eines Flugzeuges konstruieren. Mit Hilfe eines dreidimensional aufgebauten Computerprogramms (CAD) ist das für den Auszubildenden kein großes Problem.

Seit über 50 Jahren entwickelt und produziert Sell Flugzeugküchen sowie Flugzeuginneneinrichtungen für weltweit führende Airlines und Flugzeughersteller. Die Ideenschmiede des Unternehmens, das 1.200 Be­schäftigte hat, ist in Homberg (Ohm). 60 Mitarbeiter, vorrangig Ingenieure, Konstrukteure und Technische Zeichner tüfteln hier an den Flugzeugküchen der Zukunft.

Werbung im Bekanntenkreis

Wurden hier noch vor wenigen Jahren Technische Zeichner ausgebildet, setzt Kons­trukteur und Ausbildungsleiter Stefan Wagner inzwischen mehr auf den neuen Ausbildungsberuf Technischer Produktdesigner (TPD). „Es ist die logische und konsequente Fortentwicklung des Berufs Technischer Zeichner und deshalb für Konstruktionsabteilungen ein Beruf mit Zukunft“, so Wagner.

Marco Ramosino ist einer von sieben Azubis an den Beruflichen Schulen in Biedenkopf, die im kommenden Mai erstmals eine Abschlussprüfung zum Technischen Produktdesigner ablegen werden. Er hatte sich ursprünglich bei Sell um einen Ausbildungsplatz zum Technischen Zeichner beworben und das Angebot erhalten, stattdessen Technischer Produktdesigner zu lernen. „Erst war ich irritiert, aber dann habe ich mich übers Internet und auch bei Sell informiert und alles hörte sich richtig gut an“, erinnert sich Marco.

Das Knobeln und Tüfteln am PC be­geistert auch Maike Schlitt, die wie Marco im dritten Ausbildungsjahr ist. „Der  Beruf  ist  einfach klasse, deshalb habe ich auch in meinem Bekanntenkreis schon kräftig Werbung dafür ge­macht“, so die 19-Jährige.

Bei Sell lernen inzwischen vier junge Frauen und zwei Männer den neuen Beruf. Für das im Herbst 2009 beginnende Ausbildungsjahr sind bei Sell und vielen anderen Unternehmen noch Lehrstellen frei.

Ausbilder Wagner achtet bei Bewerbern um einen Ausbildungsplatz zum TPD vor allem auf technisches Verständnis, PC-Kenntnisse und räumliche Vorstellungskraft.

Auch wenn die Zeugnisnoten vielleicht nicht so gut sind, sollte man sich bei ihm bewerben. Wagner: „Or­dentliche Bewerbungsunterlagen ohne Flecken und Knicke, gutes Auf­treten und Benehmen sowie Interesse an dem Beruf sind mir wichtiger als ein  Spitzenzeugnis.“

So funktioniert es an der Berufsschule

Biedenkopf. „Die meisten Branchen, die was ,zum Anfassen‘ entwickeln und produzieren, können einen Technischen Produktdesigner gut brauchen“, ist Ulrich Müller, Abteilungsleiter an den Beruflichen Schulen Bieden­kopf (BSB) überzeugt. Seit Schuljahresbeginn 2006/2007 wird der neu kreierte Beruf erstmals in Hessen an seiner Schule ausgebildet. Wollten damals gerade mal sieben Jugendliche den neuen Beruf ergreifen, waren es im Jahr drauf schon 23. Im aktuellen Schuljahr startete die Klasse mit 32 Azubis. „So langsam wird der TPD bekannter“, freut sich Müller.

Inzwischen setzen 29 Ausbildungsbetriebe auf den neuen Beruf und das Angebot der BSB. Regelmäßig treffen sich  Ausbilder, Lehrkräfte sowie Vertreter von Kammern und Verbänden, um  den Unterricht möglichst nah an die Anforderungen in den Betrieben anzupassen.

Anders als beim Technischen Zeichner geht es um die Kons­truktion von Bauteilen sowie Baugruppen im Dreidimensionalen und auch um Projekt- und Qualitätsmanagement sowie Design. Der Ingenieurdienstleister In­venio schickt seine Azubis sogar aus Rüsselsheim  ins  nordhessische  Biedenkopf. „Der TPD ist besser geeignet als der Technische Zeichner, um Ingenieure und Konstrukteure bei ihrer Arbeit zu unterstützen“, ist Thomas Repp, Be­reichsleiter Geschäftsentwicklung bei Invenio, überzeugt.

Auch die Modell- und Werkzeugfabrik Meissner in Biedenkopf-Wallau setzt auf den neuen Beruf. Michael Schneider hat  bereits  Mo­dellbauer ge­lernt und die Ausbildung zum TPD noch draufgesetzt: „Der Beruf hat mich sofort interessiert, weil man hier vom Projektmanagement bis zu Präsentationstechniken jede Menge lernen kann.“

Info1: Der Ausbildungsberuf

Der Ausbildungsberuf Technischer Produktdesigner steht im Fokus des Modellprojekts Entwicklung und Vermarktung von neuen Berufsschulangeboten. Es wird wissenschaftlich begleitet vom Hochschulzentrum für Weiterbildung der Fachhochschule Gießen-Friedberg und wurde initiiert von der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU).

Infos im Internet: www.hz-weiterbildung.de und www.vhu.de

Info 2: Ein Vergleich

Technischer Zeichner Techn. Produktdesigner
2-D im Schwerpunkt
Darstellen
Zeichnen
Fachrichtungsmodell
-  Grundbildung
-  Fachbildung
Modularer Aufbau
-   Lehrgänge und
    Betriebseinsätze
Schlüsselqualifikationen
Integrierte Abschluss-
prüfung
3-D im Schwerpunkt
Modellieren
Designen
Integrierte Vermittlung
-  Kommunikations-
    techniken
-   Qualitätsmanagement
-   Projektmanagement
Prozessorientierung
-  Basisqualifikationen
    und Betriebseinsätze
Handlungsorien-
tierte Qualifikationen
Projekt und Fachgespräch

 

 

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Schlagwörter: Ausbildung

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