Konstruieren mit dem Zauberstab

Fahrgestelle für Züge: Bombardier-Ingenieure tüfteln in topmodernem Technikzentrum

Netphen. Boogie-Woogie im frischeröffneten Bogie Technical Center des Zugherstellers Bombardier im Siegerland: Auf einer riesigen Leinwand tanzt, schwebt, dreht sich ein detailgenau dargestelltes Eisenbahn-Fahrwerk, das Konstrukteur Frank Rath (51) mit einem Steuerstab dirigiert. Die Darstellung des sogenannten Bogies in Originalgröße hilft den versammelten Ingenieuren, das neue Fahrwerk zu verbessern. Rath: „In unserem Zentrum zeigen wir der Konkurrenz, wie wir in Deutschland Fahrwerk-Innovation vorantreiben.“

Und das nicht nur für den heimischen Markt, wie Heiko Mannsbarth (47), Leiter des Zentrums und Chef der Fahrwerksentwicklung, ergänzt: „Hier in Netphen kreieren und bauen wir die Fahrwerke der Zukunft für den Weltmarkt.“

Das ließ sich Bombardier etwas kosten. 8,5 Millionen Euro investierte der kanadische Konzern in den letzten eineinhalb Jahren in einen hellen, modernen Bau, der derzeit schon 40 Ingenieuren perfekte Bedingungen zum Forschen bietet – inklusive Terrasse mit Liegestühlen sowie Fitnessstudio.

Für weitere 3 Millionen Euro baut die Firma in den nächsten drei Jahren Teststände, die auch Kunden zugutekommen. Bereits Mitte 2015 arbeiten hier 80 Ingenieure aus aller Welt, später sollen es 115 sein. Weltweit hat Bombardier 300 Konstrukteure.

In Netphen wird auch produziert. 800 Mitarbeiter fertigen aus Rahmen, Federn, Radsätzen, Dämpfern sowie Bremsen 3.500 Drehgestelle („Bombardier Flexx Bogies“) im Jahr. Weitere 1.500 steuert ein Werk im nordfranzösischen Crespin bei. Auf ihnen rollen U-Bahnen, Straßenbahnen und Hochgeschwindigkeitszüge in aller Welt.

Rund 30 Jahre lang hält ein Fahrwerk aus dem Siegerland

30 Jahre hält ein Fahrwerk und spult jährlich 200.000 bis 300.000 Kilometer runter. Im Schnitt kostet so ein Teil 100.000 Euro. Insgesamt setzt Bombardier mit den Bogies eine halbe Milliarde Euro im Jahr um.

Derzeit sind weltweit 200.000 Fahrgestelle der Kanadier im Einsatz. Die Deutsche Bahn rollt zu 80 Prozent auf ihnen. Auch die Fahrwerke der nächsten IC-Generation, des ICX, kommen aus dem Siegerland.

Und in China verbindet in Kürze der Hochgeschwindigkeitszug „Zefiro“ von Bombardier die Metropolen Peking und Schanghai mit Top-Speed 350. Höchste Priorität legen die Ingenieure dabei auf die Sicherheit. So hat der „Zefiro“ auf dem Prüfstand bewiesen, dass er selbst bei Tempo 480 noch sicher und stabil in der Spur bleibt. Steife Fahrwerke erleichtern das. Weichheit dagegen ist gefragt, um den Verschleiß der Radsätze niedrig zu halten. Beides überein kriegen die Ingenieure mit aufwendiger Sensorik und Steuerung.

Zugleich machen sie mit raffinierten Konstruktionen, Kohlefaser und Kunststoff die Bogies leichter. Wiegen sie beim ICE noch sieben Tonnen, so sind es beim ICX nur noch vier! Auch deshalb ist das neue Technikzentrum, wie Heiko Mannsbarth sagt, „ein technologischer Meilenstein für die Entwicklung der Region“.


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