Marken-Piraterie

Fälschungen – nicht mit uns

Waiblingen/Berlin. Auf der Jagd nach Profit gehen Produkt- und Markenpiraten über Leichen. Durch gefälschte Blutverdünnungsmittel mussten in Nordamerika 80 Menschen sterben. In Entwicklungsländern raffen gepanschte Tuberkulose- und Malaria-Medikamente jährlich 700.000 Patienten dahin. Und in Deutschland riskieren Handwerker mit nachgemachten Geräten ihr Leben. Durch nicht erkennbare Fälschungen geschehen 3.500 Arbeitsunfälle im Jahr, so der Fachverband Werkzeugindustrie.

Die Plage mit den Plagiaten: In Zeiten kostenloser Internet-Downloads und gefälschter Modeartikel als Urlaubsmitbringsel gilt geistiger Diebstahl für viele als Kavaliersdelikt. Doch in Wahrheit ist er „das Krebsgeschwür der Globalisierung“, warnt Rüdiger Stihl. Der Miteigentümer des gleichnamigen Motorsägen-Herstellers im schwäbischen Waiblingen ist Vorstandsvorsitzender des Aktionskreises gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM).

Auf 50 Milliarden Euro im Jahr und 77.000 Arbeitsplätze schätzt der APM – 1997 von mehreren Wirtschaftsverbänden gegründet – den Schaden für die deutsche Wirtschaft. Weltweit werden mit Plagiaten 600 Milliarden Dollar umgesetzt.

Schon seit den 80er-Jahren kennt Stihl das Problem. Um die Nachahmung seiner Produkte zu bekämpfen, setzt der Arbeitgeber von mehr als 11.000 Beschäftigten einen Koordinator ein. Seit einem Jahr steuert Günther Stoll von Waiblingen aus alle Aktivitäten der Stihl-Gruppe, um die rechtliche Durchsetzung von Patenten und Schutzrechten des Unternehmens weltweit zu forcieren. Stoll erklärt, warum Stihl-Produkte gefälscht werden: „Die Marke ist weltweit bekannt und damit ein prominentes Ziel für Fälscher, das hohe Profite verspricht.“ Der Handel mit Plagiaten bringe mehr ein als der mit Drogen – und das bei geringerem Aufdeckungsrisiko.

Fälscher verwenden billiges Material

Wie viel Profit die Täter machen können, zeigt der im September 2009 aufgedeckte „Camorra-Fall“ in Karlsruhe. Die Bande soll Tausende Stromaggregate, Wasserpumpen und Motorsägen aus China für weniger als 50 Euro pro Stück importiert haben. Verkauft wurden die Aggregate für bis zu 4.000 Euro.

Die Fälscher verwenden billige Materialien, sparen sich kostspielige Investitionen in Entwicklung, Qualitätssicherung, Aus- und Weiterbildung, Marketing und Service. Um zahlreiche gesetzliche Vorschriften wie Abgasnormen, Vibrationsrichtlinien und Sicherheitsvorschriften scheren sie sich ohnehin nicht.

Die meisten Fälschungen kommen aus Asien. Als Vertriebsweg wird verstärkt das Internet genutzt. Obwohl der Zoll immer mehr Plagiate beschlagnahmt, finden mehr als 90 Prozent den Weg zu den Verbrauchern. Deshalb gibt es Stihl-Originale ausschließlich bei den 35.000 Stihl-Fachhändlern weltweit. Außerdem lassen sich die Waiblinger nicht nur die Technik ihrer Produkte rechtlich schützen, sondern auch Erscheinungsbild und Marke. Der Erfolg hängt jedoch auch davon ab, wie es um die Justiz in den unterschiedlichen Staaten steht.

Chinesen häufiger selbst Opfer

„In China können wir unsere Rechte nur schwer durchsetzen – vor allem wenn Nachahmer und Richter im selben Ort sind und dort Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen“, weiß Stoll. Er erwartet aber Besserung, weil die Chinesen immer öfter selbst von Fälschungen betroffen sind.

Noch fallen Strafe und Schadenersatz aber bescheiden aus, wenn ein Fälscher belangt wird. Von Swool, einem besonders frechen Nachahmer, bekam der Motorsägen-Hersteller nur 15.000 Euro – ein Betrag, der noch nicht einmal die Rechtskosten deckte. Trotzdem wird Stihl sich weiterhin wehren. „Wir wollen allerdings nicht nur den Junkie im Park erwischen, sondern auch seinen Dealer und die Hintermänner“, sagt Günther Stoll. Dabei arbeitet er mit Detektiven, Europol, dem Bundeskriminalamt und Zollverwaltungen zusammen.

Handeln müsse allerdings auch der Gesetzgeber, fordert der APM-Vorsitzende Rüdiger Stihl. Der Kauf von Plagiaten für den privaten Gebrauch sei bis zur Summe von 430 Euro in Deutschland nicht strafbar. In Frankreich dagegen würden Fälschungen eingezogen und die Käufer bestraft.

Kein Wunder, dass 90 Prozent der Verbraucher Fälschungen nicht für anrüchig halten, so die Beratungsgesellschaft Ernst & Young. 40 Prozent der unter 35-Jährigen kaufen sogar ganz bewusst Plagiate. Der APM informiert deshalb in einer Wanderausstellung und mit provokativen Plakatmotiven über die Risiken bei gefälschten Produkten.

Ausgebremst durch Markenpiraten wurde übrigens auch Mika Häkkinen. 1998 blieb der Rennwagen des damaligen Formel-1-Stars wegen eines gefälschten Kugellagers auf der Strecke.


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