Familienunternehmen

Fachkräftemangel ganz konkret


Im Raum Göttingen fehlen schon in zehn Jahren 27.000 Mitarbeiter – Wie die Mahr GmbH darauf reagiert

Göttingen. Thomas Keidel hat keine Angst vor der Zukunft: „Ohne Messtechnik ist Industrie-Produktion nicht denkbar“, sagt er – und seine Firma ist immerhin der weltweit drittgrößte Komplett-Anbieter in diesem Bereich, unter anderem für die Auto-Industrie.

Auch Stephan Gais lenkt den Blick nach vorn. „Weltweit gibt es eine Milliarde Autos. Und Prognosen gehen davon aus, dass der Bedarf auf zwei Milliarden steigen wird.“

Starke Bindung an den Standort

Die beiden sind Geschäftsführer der Mahr GmbH in Göttingen. Sie wissen, dass immer mehr Aufträge auf ihr Unternehmen warten. Und dazu brauchen sie qualifizierte Mitarbeiter.

Doch die Zahl der Schul-abgänger sinkt. „Bei uns im Raum Göttingen werden in gut zehn Jahren 27.000 Fachkräfte fehlen“, zitiert Gais die Hochrechnung der Bevölkerungsforscher. „Das ist alarmierend.“ Familienunternehmer wie Keidel und Gais denken langfristig. Vorausschauende Weichenstellungen sind ihnen wichtig. Ihnen liegt deshalb der Nachwuchs an Facharbeitern und Ingenieuren besonders am Herzen.

Der Ururgroßvater der beiden begann vor knapp 150 Jahren mit kleinen Längenmessgeräten. Heute ist Mahr weltweit erfolgreich, mit rund 20 Gesellschaften und 1.700 Mitarbeitern. Ein typischer deutscher Mittelständler, um den uns das Ausland beneidet: schnell, flexibel, hochinnovativ.

Das Herz, versichern die Firmenlenker, schlägt auch in Zukunft in Göttingen. „Hier entstehen unsere Ideen“, sagt Keidel, „dafür benötigen wir die richtigen Mitarbeiter.“

Deshalb setzen sie alles daran, die Arbeitsbedingungen ständig zu verbessern. So profiliert sich Mahr als „familienfreundlicher Betrieb“: Man hat erkannt, dass es sich auszahlt, wenn man Eltern im Betrieb den alltäglichen Spagat zwischen Familie und Beruf erleichtert. Sei es durch flexiblere Arbeitszeiten, Hilfen bei der Kinderbetreuung oder Unterstützung bei der Rückkehr in den Betrieb nach der Familienphase.

Weiterbildung ist selbstverständlich

Mahr hat deshalb schon vor fünf Jahren einen Betriebskindergarten eingerichtet, ihn inzwischen um eine Krippe erweitert. Hilfe, wenn Kinder krank sind, ist eingeschlossen. Kooperationen etwa mit der Sartorius AG und der Stadt verteilen die Lasten auf mehrere Schultern.

Damit sind die Göttinger eine Seltenheit. Nur 2 Prozent der Firmen verfügen Umfragen zufolge über einen eigenen Kindergarten. Doch die Erfahrung zeigt: Wenn ein Arbeitgeber so etwas anbietet, spart er am Ende oft eine Menge Geld – weil die Krankenrate sinkt und die Mitarbeiter motivierter sind.

„Wir müssen alles tun, damit sich die jungen Mütter bei uns wohlfühlen“, sagt Gais. Zudem sucht man die Nähe zu den örtlichen Schulen, um die richtigen Azubi-Bewerber zu bekommen. Die Suche wird schwieriger, es mangelt auch an Qualität, beobachten die Göttinger. Weil die nicht immer stimmt, bleiben auch bei Mahr schon mal Lehrstellen unbesetzt.

Doch wer einmal an Bord ist, der soll möglichst sein gesamtes Berufsleben bleiben – und vorankommen. Weiterbildung ist selbstverständlich – die Gebühren für die Technikerschule etwa übernimmt dann das Unternehmen.

Es ist ein typisches Familienunternehmen: Von der Weitsicht, mit der Thomas Keidel und Stephan Gais ihre Belegschaft entwickeln, könnte so mancher Großkonzern lernen.

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