Made in Solingen

Exklusive Klappmesser von der Mini-Manufaktur


Solingen. Es war dein treuer Begleiter von Kindesbeinen an. Mit ihm hast du Holunderzweige zum Blasrohr zurechtgeschnitten. Doch dann habt ihr euch aus den Augen verloren, dein erstes Taschenmesser und du ....

In jedem großen Jungen mit grauen Haaren, der im Ausstellungszimmer der Solinger Taschenmesser-Manufaktur Friedrich Olbertz vor den 4.500 Modellen der vergangenen fünf Jahrzehnte steht, werden Erinnerungen an Kindheitstage wach. Und wer dann die Werkstatträume betritt, reibt sich die Augen: Die Jahrzehnte alten Maschinen werden immer noch über Riemen angetrieben.

Mit der rustikalen Technik hat der 1872 gegründete Betrieb bis heute überlebt. Weil er in einer besonderen Nische agiert: 5.000 bis 6.000 Taschenmesser stellt das Unternehmen im Jahr her, weitgehend in Handarbeit. „Das sind in aller Regel exklusive Kleinserien oder Einzelstücke für Sammler – zu Preisen von bis zu 4.500 Euro“, sagt Geschäftsführer Achim Gronauer (54).

Vor allen Amerikaner, Kanadier und Australier sind scharf auf Klappmesser „made in Solingen“. Gronauer: „Die Amerikaner haben ihre Prärien, die Kanadier die riesigen Territorien am Polarkreis, die Australier ihr Outback. Und alle lieben die Natur, fischen und jagen. Da braucht man ein gutes Taschenmesser.“

Auch prominente US-Kunden hat sein Betrieb schon beliefert: Jeweils ein Messer ging an den Ex-Präsidenten Bill Clinton und an den früheren Vizepräsidenten Al Gore. Natürlich Einzelanfertigungen mit den Konterfeis der beiden Staatsmänner auf der Klinge.

Metall einmal ganz anders: Nur fünf Mitarbeiter zählt die kleine Manufaktur, Gronauers Lebensgefährtin und seine Tochter mit eingerechnet. Die anderen sind betagte Herren mit Berufen, die heute kaum noch einer kennt.

Hier arbeiten Männer mit Berufen, die heute kaum noch einer kennt

Wie Erhard Rossbach. Der 70-jährige Rentner, der immer noch aushilft, hat einen echt ätzenden Job. Er ist Damaszierer und Siebdrucker in einer Person. Rossbach versteht das aussterbende Handwerk, mit Salpetersäure kleine Kunstwerke in Messerklingen „einzugravieren“. Das kann in der Klingenstadt nur noch eine Handvoll Menschen, fast alle Senioren.

Vorbei an schweren handbetriebenen Stanzen und Hämmern gelangt man zu Adolf Pfeiffer (70), einem der letzten Reider in Solingen. Er sitzt an einem Arbeitstisch, der fast 100 Jahre auf dem Buckel hat, und passt die Einzelteile eines Taschenmessers so sauber ein, dass daraus ein kleines Kunstwerk wird. Da wird geschliffen und poliert, bis sich alles fein zusammenfügt. Das Entscheidende, so Pfeiffer: „In geöffnetem wie in geschlossenem Zustand muss das Messer wie aus einem Guß wirken.“

Der Mann greift sich das nächste Messer und blickt nachdenklich zurück: „Für meinen Beruf dauerte die Ausbildung viereinhalb Jahre. Den gibt es so nicht mehr.“ Schade eigentlich ...

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