Themen-Special: Arbeitszeit

Etwas mehr Flexiblität reicht oft, um Betriebe am Weltmarkt zu stärken

Morgens mit China telefonieren, abends mit Mexiko chatten: Die Globalisierung stellt Mitarbeiter in bayerischen Unternehmen vor große Herausforderungen. Konzerne und Mittelständler verraten, wie ihre Lösungen aussehen.

Neues Werk: Die Audi-Produktion in Mexiko lief jetzt mit Unterstützung aus Deutschland an. Foto: Werk

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Neue Zentrale in München: Hier ist das Konzept „Siemens Office“ perfekt umgesetzt. Foto: Werk

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Schwankt saisonal: Die Produktion der Firma Fränkische Rohrwerke. Foto: Werk

Schwankt saisonal: Die Produktion der Firma Fränkische Rohrwerke. Foto: Werk


Ingolstadt / München / Bamberg / Königsberg / Georgensgmünd. 9.700 Kilometer trennen Ingolstadt und San José Chiapa in Mexiko. Sieben Stunden Zeitunterschied liegen zwischen dem Audi-Stammsitz und dem neuen Werk, das der Automobilhersteller Ende September in Mittelamerika eröffnet hat. Sieben Stunden: fast ein ganzer Arbeitstag.

Da beginnt der Tag, hier ist Feierabend

Ein enger Austausch ist insbesondere in der Anlaufphase des neuen Werks wichtig. Doch wenn die Mexikaner morgens gerade so richtig loslegen, verabschieden sich viele deutsche Kollegen in den Feierabend. Die Kommunikation über den Atlantik braucht also zeitliche Spielräume – und Kontinente überwindende, innovative Arbeitsformen.

Die globalisierte Wirtschaft bringt viele Vorteile. Sie vergrößert die Vielfalt der Waren. Und senkt ihre Preise durch internationale Arbeitsteilung. Aber sie fordert Arbeitnehmern eben auch mehr ab: vor allem Flexibilität.

Insbesondere die bayerische Metall- und Elektroindustrie, die 60 Prozent ihrer Waren exportiert und mit Standorten in der ganzen Welt vertreten ist, muss sich darauf einstellen. Und eines wird dabei zunehmend klar: Globale Vernetzung und Kunden auf allen Kontinenten sind nicht mit starren und herkömmlichen Arbeitszeiten vereinbar.

Das gilt umso mehr, als die Arbeitskosten der deutschen Metall- und Elektroindustrie deutlich höher sind als in den meisten Ländern Europas. 2015 zahlten die Betriebe je Stunde, inklusive der Sozialbeiträge und anderer Zusatzkosten, 43 Euro – viermal so viel wie etwa in Tschechien. Der jüngste Tarifabschluss mit einem Lohnplus in zwei Stufen von 2,8 und 2 Prozent bis 2017 ist da noch nicht drin.

Einfach nur bessere Produkte zu liefern, reicht nicht mehr aus, um diesen Kostennachteil zu kompensieren. Um im Wettbewerb zu bestehen, müssen die Firmen ihre Arbeitsprozesse optimieren, Kosten sparen, mehr Service bieten.

Am Beispiel von Audi in Mexiko zeigt sich, wie wichtig Flexibilität sein kann. Bei Planung und Bau des neuen Werks stand die Ingolstädter Zentrale als Patenwerk mit Rat und Tat zur Seite. Es galt, im Vorfeld der Werkeröffnung gute Mitarbeiter zu finden, Wissen zu transferieren, weltweit einheitliche Standards zu garantieren.

Mobiles Arbeiten betrieblich geregelt

Zahlreiche Audi-Mitarbeiter in Deutschland, zum Beispiel aus dem Personalbereich oder aus der Produktion, hatten in den letzten Monaten intensiven Kontakt mit Mittelamerika. Da ist es hilfreich, dass die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten flexibel gestalten können. Das erleichtert den Austausch mit den Kollegen jenseits des Ozeans ganz massiv.

Die Grundsätze für diese Flexibilisierung hat Audi in einer neuen Betriebsvereinbarung „mobiles Arbeiten“ fixiert, die Anfang Oktober in Kraft getreten ist. Beide Seiten profitieren: Die Mitarbeiter erhalten mehr persönliche Freiräume. Und der Konzern kann flexibler international agieren. Ein mögliches Beispiel: das Telefonat am Abend vom heimischen Oberbayern aus, wenn das Büro bereits am Mittag verlassen wurde.

Auch in Zukunft wird das keine Ausnahme sein. „Die personelle Vernetzung auch über Länder- und Kontinentalgrenzen hinweg ist ein wichtiger und notwendiger Teil unserer modernen Arbeitswelt“, sagt Jochen Haberland, Leiter Personalpolitik und Grundsatzfragen bei Audi. Und dank moderner digitaler Kommunikationsmittel ist dies auch leicht möglich: Mitarbeiter können orts- und zeitunabhängig arbeiten – zumindest soweit es ihre Aufgabe zulässt. „Das ist entscheidend, damit wir weiterhin wettbewerbsfähig bleiben“, betont Haberland.

Datendienste laufen rund um die Uhr

Über Kontinente hinweg agiert auch die mittelständische Firma Retarus. Der IT-Dienstleister aus München mit rund 300 Mitarbeitern hat Kunden auf vier Erdteilen, von New York bis Singapur. Er ist spezialisiert auf elektronische Kommunikation von Firmen.

Darunter fällt neben dem Versand von Informationen etwa per E-Mail und SMS auch der automatisierte Austausch von elektronischen Daten wie Bestellungen, Rechnungen oder die Abfrage von Lagerbeständen. Die Datendienste laufen rund um die Uhr. „Sie müssen zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar sein“, berichtet Personalleiterin Bianca Bacher. Eine Herausforderung nicht zuletzt für die rund 100 Mitarbeiter in der IT: Im Bereitschaftsdienst werden sie auch mal nachts angefunkt.

Zur richtigen Zeit für Kunden ansprechbar zu sein, ist in der globalisierten Welt besonders wichtig. Retarus regelt das ganz pragmatisch. Die Mitarbeiter passen ihre Arbeitszeit täglich den Projekten an – eine Lösung, die nicht alle Unternehmen so einfach übernehmen können.

Diejenigen, die bei Retarus Aufträge in den USA betreuen, bleiben abends falls nötig bis acht Uhr und kommen dafür morgens später ins Büro. Kollegen mit Geschäftskontakten in Asien stehen früher auf – in der Personalabteilung etwa für ein Vorstellungsgespräch per Skype mit Singapur schon mal morgens um halb sieben. Dafür haben sie dann früher Feierabend.

Auch mal vier Tage im Homeoffice

Zu verschiedenen Zeiten flexibel arbeiten – dabei hilft es, seinen Arbeitsort frei wählen zu können. Der Siemens-Konzern in München sorgt unter anderem mit einer modernen IT- und Büroinfrastruktur dafür, dass das möglich ist. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Regelungen zum Homeoffice. Bereits 2010 wurde dazu eine Vereinbarung mit dem Gesamtbetriebsrat geschlossen. Der Anteil der Arbeit im Homeoffice darf bei bis zu 20 Prozent liegen. Und wichtig: Diese Grenze muss nur übers Jahr gesehen eingehalten werden.

„Es gehen also auch mal vier Tage Homeoffice am Stück – so es sich mit den Abläufen in der Abteilung vereinbaren lässt“, sagt Rosa Riera, Leiterin „Employer Branding und soziale Verantwortung“ von Siemens. 62.000 Mitarbeiter in 40 Ländern, fast die Hälfte aller weltweit tätigen Verwaltungsangestellten im Konzern, müssen sich mittlerweile auch in der Firma räumlich flexibel zeigen. Denn sie arbeiten in einer offenen Arbeitsumgebung, dem „Siemens Office“.

So haben etwa Mitarbeiter in der Personalabteilung in der Münchner Zentrale keine fest zugewiesenen Schreibtische mehr. Wer ins Büro kommt, sucht sich einen freien Platz in der Kernzone seines Teams, loggt sich ins Netzwerk ein und legt los. So sitzt man an einem Tag neben dem Azubi, am nächsten neben einer Führungskraft. Das sei so gewollt, sagt Riera, denn dadurch flachten Hierarchien ab, und der Austausch untereinander werde gefördert.

Nicht nur in Verwaltung und Service, sondern auch in der Produktion wird flexibles Arbeiten immer wichtiger. Dabei geht es weniger um wechselnde Zeiten. Die hat man, sofern in Schichten gearbeitet wird, schon immer gekannt. Aber auch das Volumen der Arbeit wird zunehmend flexibel verteilt – etwa um Auftragsspitzen abzufangen.

Beliebtes Instrument sind deshalb Zeitkonten. So auch bei Bosch in Bamberg. An dem fränkischen Standort mit rund 8 000 Beschäftigten werden vor allem Einspritzventile für Autos gefertigt. „Innerhalb eines Monats schwankt die Nachfrage schon einmal um 5 Prozent“, berichtet Personalleiter Klaus Beck. „Da ist die Flexibilität der Zeitkonten ein riesiger Vorteil.“ Mit ihnen werden bei Bedarf Überstunden angehäuft, die später mit Freizeit ausgeglichen werden.

Gearbeitet wird in der Regel fünf bis sechs Tage die Woche rund um die Uhr, in drei Schichten. Wenn die Auftragslage es erfordert auch darüber hinaus.

„Solche Entscheidungen sind natürlich schwierig“, sagt Beck, „schließlich greifen wir damit in die private Lebensführung ein.“ Solange das Unternehmen jedoch die guten Gründe offen kommuniziere, seien die Mitarbeiter auch freiwillig bereit dazu – zumal der Tarifvertrag für solche Zusatzschichten lukrative Zuschläge vorsieht.

Von dieser kooperativen Einstellung ist auch, eine halbe Autostunde entfernt, beim Unternehmen Fränkische Rohrwerke in Königsberg zu hören. „Wenn Mehrarbeit ansteht, sind wir darauf angewiesen, dass unsere Leute mitziehen“, sagt Personalchef Peter Gadhof. Flexibilität einfach so von oben anzuordnen, funktioniere nicht.

Maschinen auslasten senkt die Kosten

Die Firma fertigt im Stammwerk mit 1.400 Mitarbeitern Rohre, Schächte und Komponenten für den Bausektor und die Industrie, darunter die Autobranche. Die Hälfte des Umsatzes kommt aus dem Ausland.

Viel zu tun ist etwa im Frühjahr: Wenn das Wetter besser wird und der Boden nicht mehr gefroren ist, kommt das Baugewerbe in Schwung. „Aber auch das Automotive-Geschäft schwankt stark, weil es sehr projektgetrieben ist“, berichtet der Personalleiter. Ein großer Auftrag führt da schnell mal zu Mehrarbeit.

Den Mitarbeitern, hat Gadhof beobachtet, komme die von ihnen abverlangte Flexibilität oft gar nicht so ungelegen. Dabei geht es ihnen nicht nur um die steuerfreien Zuschläge. Viele werten das Arbeiten am Samstag und Sonntag auch als ein positives Zeichen: „Wenn das Geschäft so gut läuft, sind auch die Jobs sicher“, zitiert Gadhof aus der Belegschaft.

Auch beim Hightech-Zulieferer Toolcraft in Georgensgmünd bei Nürnberg, der mit rund 300 Mitarbeitern unter anderem Präzisionsteile an computergesteuerten CNC-Fräsmaschinen herstellt, laufen die Produktionsanlagen häufig das ganze Wochenende über. Das hilft bei Auftragsspitzen und spart Kosten, weil der teure Maschinenpark besser ausgelastet wird.

Moderne IT sorgt dafür, dass dabei die verantwortlichen Mitarbeiter nicht unbedingt vor Ort sein müssen. Sie überwachen ihre produzierenden Maschinen von daheim aus – per Smartphone oder Tablet. Ab und zu ein kurzer Kontrollblick aufs Handy reicht schon; treten kleine Fehler auf, werden sie gleich korrigiert. Ansonsten wird der Bereitschaftsdienst im Werk per Telefon angeleitet. Nur wenn gar nichts mehr geht, müssen die Verantwortlichen in den Betrieb kommen.

„Für unsere Leute gehört das zu ihrem Job dazu“, berichtet Karlheinz Nüßlein, Geschäftsführer von Toolcraft. Maßgeblich sei eine Unternehmensphilosophie, die auf Vertrauen und Eigenverantwortung setzt.

Beide Seiten profitieren

So dürften Toolcraft-Mitarbeiter auch private Dinge über ihre Firmenrechner regeln. Im Gegenzug, so Nüßlein, sei es für viele kein Problem, abends oder am Wochenende mal kurz aufs Handy zu schauen. „Mitarbeiter zahlen es einem zurück, wenn man ihnen Freiheiten gibt. Flexible Arbeitszeitmodelle lohnen sich am Ende für beide – Arbeitgeber und Arbeitnehmer.“

Flexibilität im Betrieb: Das läuft schon

  • In bayerischen M+E-Unternehmen werden schon verschiedene Formen der Arbeitszeitflexibilisierung genutzt – allerdings in sehr unterschiedlichem Ausmaß.
  • Für 62 Prozent der Beschäftigten gibt es Zeitkonten. Bei 17,4 Prozent kann sich die wöchentliche Arbeitszeit je nach betrieblichem Bedarf ändern.
  • 5 Prozent sind davon betroffen, dass ihre Schichten je nach Arbeitsanfall verkürzt oder verlängert werden. 2,8 Prozent arbeiten im Drei-Schicht-Betrieb mit Früh-, Spät- und Nachtschicht.
  • Nur 1,4 Prozent der Beschäftigten kommen im Einzelfall auf die maximal erlaubten 60 Stunden pro Woche.
  • 1 Prozent der Mitarbeiter arbeitet regelmäßig an mehr als fünf Tagen in der Woche. Und für 0,7 Prozent ist Sonntagsarbeit ein Thema.

So machen’s die anderen: Viele Branchen kennen flexible Arbeitszeiten

Gilching/München. Auftragsspitzen abfedern, Kunden zufriedenstellen: Diese Themen bewegen viele Branchen. Sei es bei Start-ups, die erst ins Geschäft kommen wollen. Oder im Restaurant, etwa wenn nach dem Trubel vor Weihnachten im Januar Flaute herrscht. So etwas kennt auch der Einzelhandel: An bestimmten Tagen strömen Käufer zuhauf in die Läden, an anderen Tagen bleiben die Geschäfte leer. Unsere Beispiele zeigen: Auch hier hat Flexibilität Vorteile für Betriebe wie für Mitarbeiter.

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1984 einigten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft auf einen Weg in die 35-Stunden-Woche – aber eben auch darauf, Flexibilität künftig ganz großzuschreiben. Der sogenannte Leber-Kompromiss gilt im Prinzip bis heute fort.

Zwei Drittel aller Betriebe der Metall- und Elektroindustrie bieten ihren Mitarbeitern flexible Tages- und Wochenarbeitszeiten. Jede vierte Firma kennt auch das Modell der „Lebensarbeitszeit“.

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