Offene Stellen

Es muss einfach passen


Arbeitslose suchen neue Jobs. Firmen suchen neue Mitarbeiter. Warum finden Sie oft nicht zueinander?

Trotz Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit melden die Firmen Hunderttausende unbesetzte Arbeitsplätze. Wie kann das sein? Wer ist schuld? Die Bundesagentur für Arbeit? Die Arbeitslosen? Die Firmen? AKTIV hat nachgebohrt.

Es ist noch früh am Morgen dieses lauen Septembertags, als Klaus Schröter mal wieder so etwas wie leise Hoffnung spürt. Seit Jahren sucht der Chef einer Möbel­fabrik im sachsen-anhaltinischen Benneckenstein händeringend 20 neue Mitarbeiter für seinen 100-Mann-Betrieb: Schreiner, Fahrer, Vertriebsmitarbeiter. Ohne Erfolg.

Der arbeitslose Schreiner aber, den er da gerade durch seinen Betrieb führt, der könnte passen. Die beiden schlendern vorbei an fertigen Stühlen für Kindergärten, Wickelkomoden, Sideboards, der Bewerber stellt Fragen, scheint motiviert. Klar könne er CNC-Maschinen  bedienen, Möbel bauen auch, alles schon gemacht, kein Problem. Schröters Hoffnung steigt weiter, er mag den Mann: „Arbeite ein paar Tage Probe, dann machen wir den Vertrag.“

Dazu wird es nicht kommen. Als Schröter nach der Frühstückspause nach dem Bewerber sehen will, ist der längst wieder weg. „Ihm war’s zu stres­sig“, berichten die Kollegen.

Jetzt muss Schröter weitersuchen.

Fast 700.000 Stellen frei

Und nicht nur er. Im August registrierte die Nürnberger Bundesagentur für Arbeit über 300.000 offene Stellen am ersten Arbeitsmarkt.  Mitten in der Rezession! Und weil  nur noch jede zweite Firma freie Stellen überhaupt der Arbeitsagentur meldet, sind nach Angaben des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Wahrheit wohl noch mehr Jobs unbesetzt: 684.000! Bei 3,5 Millionen Arbeitslosen!

Kein Wunder, dass sich die Arbeitsvermittler einiges anhören müssen. So bezeichnete Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt deren Vermittlungsbemühungen unlängst als „ineffizient und nicht passgenau“. Hundt: „Viel zu häufig beklagen Betriebe, dass die Bewerber dem Stellenprofil nur unzureichend entsprechen.“

Davon kann auch Klaus Schröter ein Lied singen. Gleich 400 Arbeitslose schickte ihm das örtliche Jobcenter in den letzten Monaten für seine 20 offenen Stellen vorbei. Ergebnis: null! „Auf eine offene Stelle als Lkw-Fahrer schickten die einen, der früher in der DDR mit dem Trecker übers Feld fuhr. Was soll ich mit dem anfangen?“

„Jobcenter sind zu langsam“

Dass vom Jobcenter noch geeignete Kandidaten kommen, glaubt Schröter nicht mehr: „Ich hab die Vermittler gefragt: Warum bringt ihr mir keine qualifizierten Leute?“ Deren Antwort: „Weil wir keine haben.“

Fehlende Qualifikationen – auch für Thorsten Westhoff ist das der Kern des Problems. Er ist Chef der auf Personaldienstleistungen spezialisierten Wuppertaler ABC AG. Und sagt:  „Viele Jobcenter sind zu langsam, qualifizieren die Jobsuchenden einfach zu selten gezielt auf offene Stellen hin.“ Es reiche heute nicht mehr, „irgendeinen Beamten als Arbeitsvermittler einzusetzen, wenn der keine Ahnung hat, was die Firmen wirklich suchen.“

Doch auch Westhoff, der auf der Suche nach geeignetem Personal für seine Firmenkunden pro Jahr 100.000 Kilometer über deutsche Autobahnen schrubbt, kann nicht immer weiterhelfen. „Wir suchen derzeit Schweißer, CNC-Fräser, Drucker, Kaufleute, Ingenieure. Und wir finden sie nicht.“

Wohl auch, weil das mit der gezielten Nachqualifikation eben doch Grenzen hat. „Erstens kostet die extrem viel Geld. Und zweitens kann man nun mal nicht jeden arbeitslosen Krabbenpuhler zum Computerfachmann umschulen“, nimmt Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln, die Bundesagentur für Arbeit ein Stück weit in Schutz.

Zudem, so Schäfer, fehle es vielen Arbeitslosen schlicht an der Bereitschaft, für eine offene Stelle auch mal den Wohnort zu wechseln. Das belegt auch eine aktuelle Studie des IAB: Demnach kommt für zwei Drittel aller Hartz-IV-Empfänger ein Umzug für eine neue Stelle nicht infrage.

Quereinsteiger als Vermittler

Überhaupt sieht Schäfer bei der verstärkten Aktivierung von Langszeitarbeitslosen den größten Handlungsbedarf. „Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass gerade die Problemfälle sehr lange allein gelassen werden und von ihren Jobcentern gar nichts hören. Der eine oder andere davon macht es sich dann eben gemütlich“, kritisiert Schäfer.

Doch auch beim Personal der Jobcenter liegt laut Experte Schäfer noch einiges im Argen. Viele Vermittler dort seien Quereinsteiger mit lediglich befristeten Verträgen. Schäfer: „Wenn die wissen, dass sie in zwei Jahren wieder etwas völlig anderes machen, ist das sicher auch nicht gerade förderlich für deren Motivation.“

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