Kapitalbeteiligung

„Es ist ja auch mein Geld“


Bei Gustav Hensel ist jeder zweite Mitarbeiter auch Anteilseigner

Lennestadt. Wenn der Elektriker Rudi Henke und seine Kollegen Mittagspause machen, dann heißt es rigoros: Licht aus! Henke freut es, dass sich die meisten daran halten: „Sonst wäre das ja Verschwendung. Viel Licht brauchen wir nur zum Arbeiten.“

Der 55-Jährige repariert bei der Firma Gustav Hensel in Lennestadt-Altenhundem alles, was mit Strom zu tun hat – sei es in der Produktion oder in der Verwaltung. Und: Seit er an dem Unternehmen beteiligt ist, tut er das mit ganz besonderer Begeisterung: „Es ist ja auch mein Geld.“

Der Betrieb, der unter anderem komplexe Schaltanlagen für Industriebauten, Stadien und Theater herstellt, ist in Sachen Mitarbeiterbeteiligung eine ziemliche Ausnahme. Bei nur einem Prozent aller Betriebe hierzulande sind laut ­einer Studie des in Nürnberg ansässigen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Mitarbeiter auch Anteilseigner.

Bei Hensel kann jeder von ihnen Genussscheine des Unternehmens zeichnen. Bis zu 50 Stück à 50 Euro pro Jahr, für insgesamt 2.500 Euro also. Inzwischen haben 60 Prozent der 550 Mitarbeiter an den deutschen Standorten als stille Gesellschafter Anteile an ihrer Firma erworben.

Mitarbeiter tragen auch Verluste mit

Die Sache rechnet sich: Zum einen zahlt Hensel einen Zuschuss, abhängig von der Zahl der jährlich gezeichneten Papiere – maximal 16 Euro pro Schein. Zum anderen liegt es an der hohen Verzinsung.

Personalleiter und Prokurist Holger Grafe, der selbst auch Scheine für 6.500 Euro besitzt, zieht Bilanz: „2010 war eines unserer ergebnisstärksten Jahre. Deshalb haben wir 14 Prozent Zinsen gezahlt.“ Selbst in der Krise 2008 und 2009 waren es über 6 Prozent. 1992 gab es sogar den Spitzenwert von 22 Prozent.

Sollte die Firma Verluste machen, mindert sich der Wert des Genussrechts im Prinzip anteilig – allerdings maximal um 30 Prozent. Nur bei einer Insolvenz könnte das Kapital der Teilhaber komplett verloren gehen.

Betriebsrat Ulrich Cater, der bisher 15.000 Euro ins Unternehmen gesteckt hat: „Darauf weisen wir jeden Kollegen hin. Hohe Rendite ohne Risiko – das gibt es nicht.“ In den ersten sechs Jahren gilt eine gesetzliche Sperrfrist, in der man nicht ans Geld kommt. Danach kann man jährlich kündigen.

Als die Firma 1990 die Genussrechte einführte, ging es nur um die Kapitalbeschaffung: „Das machte uns unabhängiger von den Banken“, sagt Personaler Grafe. Inzwischen summiert sich das Genussrechtskapital auf fast 4 Millionen Euro.

Besser durch eine Krise

Heute steht ein anderer Aspekt im Vordergrund: Eine Beteiligung, so hat Grafe festgestellt, führt zu höherer Motivation und zu engerer, längerfristiger Bindung ans Unternehmen. Und nicht nur das. Solche Betriebe sind laut Institut für angewandte Wirtschaftsforschung Tübingen erfolgreicher und somit auch krisenfester.

Rudi Henke, der Elektriker, hat 24.000 Euro in seine Firma angelegt: „Früher wollte ich mir davon mal einen Porsche kaufen“, sagt er. Aber mit der Zeit werde man ja vernünftiger: „Jetzt geht das Geld in die Altersvorsorge. Vielleicht höre ich früher auf.“


Info: Mitarbeiter-Beteiligung

In 4.300 Unternehmen bundesweit gibt es laut Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft eine Kapitalbeteiligung. Experten schätzen das gesamte Volumen auf rund 12 Milliarden Euro.

1.300 Firmen davon haben die Form der stillen Beteiligung gewählt. Stille Gesellschafter sind nicht an der Geschäftsführung beteiligt und haben nur Kontrollrechte. Sie dürfen die Geschäftszahlen einsehen und den Jahresabschluss prüfen.

 

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