Interview

„Es geht um die Zukunft unserer Kinder“


Nachdenklich: Die Aufholjagd von Ländern wie China erwischt Europa auf dem falschen Fuß, warnt Jürgen Hambrecht. Es fehle es an Führung. Foto: BASF

BASF-Chef Jürgen Hambrecht sorgt sich um den Wohlstand in Europa: Wir brauchen mehr Innovationen!

Ludwigshafen. Mehr Geld für Forschung und Bildung, mehr Offenheit gegenüber dem Neuen – das sind zentrale Voraussetzungen für anhaltenden Wohlstand in Europa, meint Jürgen Hambrecht. Der Chef des weltgrößten Chemie-Konzerns BASF präsentierte jetzt eine entsprechende „Vision 2025“, erarbeitet an einem runden Tisch europäischer Konzernlenker.

Interivew

AKTIV: Herr Hambrecht, Ihre „Vision 2025“ beginnt mit einer düsteren Formulierung. Wenn Europa „ein attraktiver Ort zum Leben und Arbeiten“ bleiben soll, müssen wir „seine Errungenschaften erhalten“. Sind Sie in dieser Hinsicht skeptisch?

Hambrecht: Derzeit geht es den Menschen in Europa immer noch viel besser als den meisten übrigen Menschen auf der Welt. Aber die Welt hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. Andere Regionen holen schnell auf, vor allem große Schwellenländer haben den Wettbewerb erweitert und intensiviert. Und Europa stagniert.

AKTIV: Immerhin sagt der Internationale Währungsfonds der EU für 2010 wieder ein Wirtschaftswachstum von 1 Prozent voraus.

Hambrecht: Dagegen stehen 5 Prozent für Brasilien, 8 Prozent für Indien und 10 Prozent für China! Vor zehn Jahren formulierte die EU das Ziel, bis 2010 zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden ...

AKTIV: ... das Ziel wurde klar verfehlt, derzeit arbeitet man an einer Aktualisierung ...

Hambrecht: ... und ich bleibe dabei: Die Europäische Union darf diesen Anspruch nicht aufgeben, wenn sie den Wohlstand ihrer Bürger nachhaltig sichern will.

AKTIV: Es droht also ein echter Verlust von Wohlstand, nicht nur weniger Zuwachs?

Hambrecht: Das ist meine Sorge. Vieles von dem, was wir heute produzieren, können über kurz oder lang auch andere – und Europa kann und will niedrige Löhne in anderen Regionen nicht unterbieten. Also müssen wir unsere Kräfte konsequent auf die einzige Chance ausrichten, die wir haben: Wir müssen innovativer sein als unsere Wettbewerber.

AKTIV: Warum ist Europa da so wenig vorangekommen?

Hambrecht: Das Ziel und die Inhalte, die die EU damals beschlossen hat, waren richtig. Doch es fehlte die Koordination und Prioritätensetzung: Es fehlte an Leadership, an politischer Führung.

AKTIV: Konkret?

Hambrecht: So sollten die Forschungsausgaben von Staat und Wirtschaft auf 3 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Tatsächlich sind es nur 1,85 Prozent. Das ist ein Riesen-Unterschied.

AKTIV: Die Differenz entspricht etwa 140 Milliarden Euro im Jahr. Doch die Krise hat gewaltige Löcher in die Staatshaushalte gerissen. Woher soll das zusätz­liche Forschungsgeld kommen?

Hambrecht: Das zu klären, ist Aufgabe der Politik. Fest steht: Auch in Zeiten leerer Kassen muss Geld da sein für Investitionen in Forschung. Und auch für mehr Ausgaben in die Bildung – wo Europa ebenfalls weit hinter dem Ziel, 7 Prozent der Wirtschaftsleistung, hinterherhinkt. Viele Länder geben viel mehr Geld für die Verwaltung als für Bildung aus. Übrigens ist es nicht nur eine Frage des Staatshaushalts. Wenn das Geld effizienter verteilt wird, schafft das Anreize für mehr private Investitionen.

AKTIV: Der ERT, die Runde der europäischen Industriekapitäne, hat eine To-do-Liste mit 54 Punkten produziert – von einem Fonds für „Leuchtturm-Projekte“ bis zu einem Binnenmarkt für digitale Produkte. Was ist der gemeinsame Nenner?

Hambrecht: Die EU geht immer dann den richtigen Weg, wenn sie Innovationen mit allen Möglichkeiten, die sie hat, unterstützt. Sie sollte Vertrauen schaffen für neue Technologien. Fortschritt wird leider zu oft nur noch über seine Risiken definiert.

AKTIV: Die „Vision 2025“ richtet sich nicht nur an die Politik, auch an die Bevölkerung?

Hambrecht: Es geht hier nicht um die Interessen von einigen Dutzend europäischer  Großunternehmen – die sind ja alle weltweit aufgestellt. Es geht um die Zukunft unserer Kinder. Die Botschaft ist, dass wir uns angesichts der Krise wieder auf alte Werte rückbesinnen müssen: Wachstum und Wohlstand müssen erarbeitet und nicht erspekuliert werden. Die Industrie ist der Problemlöser und nicht der Problemverursacher. 

 

Info: Die ERT-Vision 2025

Es ist ein Top-Gremium der europäischen Industrie: Der 1983 gegründete „European Round Table of Industrialists“ (ERT) vereint die Spitzenleute von 50 Konzernen mit 6,6 Millionen Jobs. Aus Deutschland: BASF, BMW, Eon, SAP, Siemens, Telekom und ThyssenKrupp.

Im Februar präsentierte der ERT, was aus seiner Sicht die Voraussetzung ist für anhaltenden Wohlstand in Europa: starkes nachhaltiges Wachstum, offene Märkte, Innovation, Bildung und eine gute Wirtschaftspolitik. Die „Vision 2025“ wird unterfüttert mit gut 50 konkreten Handlungsfeldern.

Was Europa draus macht, will man jährlich auf einer (bislang nur englischsprachigen) Website bewerten: www.europeontrack.eu

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang