Innovation

Erfindungen sind kein Zufall


Die pfiffigen Tüftler von 3M denken sich jedes Jahr 100 Neuheiten aus

Gute Nachricht für Kranke mit offenem Bein: Der unangenehme, tägliche Wechsel des Verbands muss nicht mehr sein. Dank Jan Schuren, Tüftler bei der Firma 3M in Neuss. Der gelernte Krankenpfleger hat aus einem schaumartigen Material einen neuen Druckverband entwickelt. „Er verringert die Wundfeuchtigkeit, lässt sich mehrere Tage tragen und ist dünn wie ein Strumpf“, erzählt der Erfinder. „Und die Heilungsraten sind besser.“

Das Besondere daran: Schuren hat die Entwicklung in den ersten Jahren auf eigene Faust vorangetrieben. Erst bei den klinischen Tests half der Konzern mit.

50.000 Produkte und 26.000 Patente

„Bei 3M darf jeder Forscher 15 Prozent seiner Arbeitszeit für eigene Ideen nutzen“, erklärt Schuren das Prinzip. Es ist eine der Regeln, die das US-Unternehmen zu einer der erfinderischsten Firmen der Welt machen.

„Wir wollen Mitarbeiter, die sich als ,Unternehmer’ verstehen, Dinge selbstständig entwickeln und dabei auch mal einen Fehlschlag riskieren.“ So schildert Jürgen Klingen, Chefforscher bei 3M in Neuss, die Firmen-Philosophie. „Wir legen Wert auf Erfindergeist.“

Mit Erfolg. 3M hat 50.000 verschiedene Produkte, rund 26.000 Patente und lag 2009 bei Industrieprodukten auf Platz drei der Weltrangliste der innovativsten Firmen. Ziel ist, rund 30 Prozent des Umsatzes mit Produkten zu machen, die weniger als vier Jahre alt sind. Jedes Jahr bringt 3M 100 Neuheiten auf den Markt. Zuletzt zum Beispiel einen Mini-Beamer in Größe einer Fernbedienung sowie einen Klebstoff, der Innen- und Außenblech von Autotüren crashfest zusammenhält.

Woher kommt so viel Erfindergeist? „Natürlich nicht allein von der 15-Prozent-Regel“, erklärt Klingen. „Dazu sind schon mehr Instrumente nötig.“ Die wichtigen dabei:

Viel miteinander reden. Bei 3M ist das genau geregelt. Immer  wieder  treffen  sich Techniker und Entwickler. Sie holen Forscher von Unis, Instituten oder Kunden dazu und diskutieren mit ihnen, so Klingen. „Man erfährt: Welche neuen Entwicklungen gibt es? Wo bieten sich Kooperationen an? Was braucht der Kunde? Das bringt neue Ideen und Kontakte.“ Und fördert den Austausch der 6500 Konzern-Forscher untereinander.

Sportsgeist wecken. 3M verleiht jedes Jahr intern Preise an besonders engagierte Forscher. „Das spornt enorm an“, weiß Klingen. „Es ist zwar typisch amerikanisch, aber auch hierzulande beliebt“, bestätigt Schuren, der fünf „Trophäen“ im Büro hat. Vorgeschlagen werden die Kandidaten übrigens von Kollegen, nicht von den Chefs.

Fördergelder geben. Für Ideen zum Beispiel, die nicht auf Anhieb überzeugen. Mit bis zu 100.000 Dollar sponsert der Konzern ab und an solche Geistesblitze. Klingen: „Dafür kann man mit einer Uni kooperieren, einen Studenten daran setzen oder Recherche-Reisen machen.“

Das bringt immer wieder Erfolge. Ganz aktuell zum Beispiel eine neue hauchdünne Beschichtung für Felgen. Die bleiben dadurch länger sauber und lassen sich leichter reinigen. Demnächst rollen die ersten Autos damit auf den Markt. „Innovation ist kein Zufall“, hebt Klingen hervor. „Man kann sie herbeiführen.“ Vielleicht entstanden die „Post it“-Haftzettelchen deshalb bei dem Unternehmen, das Klebeband, der Overhead-Projektor und das erste Asthma-Spray.

Auch Jan Schuren hat noch zwei Neuheiten in petto. „Bis zur Rente möchte ich sie auf dem Markt haben“, sagt der 58-Jährige. Und seine Augen leuchten. Erfindergeist hält offenbar jung.

Hans Joachim Wolter

Info: 3M

Das Kürzel „3M“ steht für „Minnesota, Mining and Manufacturing Company“. Das 1902 gegründete Unternehmen hat seinen Sitz in St. Paul in den USA, zählt 76.000 Mitarbeiter und setzt mit Produkten für In dustrie, Elektronik, Büro, Verkehr und Gesundheit weltweit rund 25 Milliarden Dollar (18,5 Milliarden Euro) um.

3M in Deutschland mit Hauptsitz in Neuss hat rund 4.800 Beschäftigte und wurde kürzlich zum sechsten Mal als einer der besten Arbeitgeber Deutschlands ausgezeichnet.

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