Firmengeschichte

Erfinder denkt bis zum Mond


Vom Geistesblitz zum Weltkonzern: Auf den Spuren von Heraeus-Chefentwickler Richard Küch

Kleinostheim. Das bloße Auge kann die Bewegung kaum erkennen. Ganz langsam schiebt sich die meterlange Stange aus glühend heißem Quarzglas durch die Maschine. Fast einen Arbeitstag dauert es, bis aus der Stange ein Hohlzylinder entsteht.

Der Zylinder ist zum Beispiel Ausgangsmaterial für Glasfasern. Basis für alle, die mit DSL superschnell im Internet surfen. Den Grundstein dafür legte der Wissenschaftler Richard Küch.

Vor 150 Jahren kam er im hessischen Bad Soden-Salmünster zur Welt. Auf seinen Erfindungen basiert der Hanauer Technologie-Konzern Heraeus, der heute an den Standorten Hanau und Kleinostheim 3.500 Frauen und Männer und 12.300 Mitarbeiter weltweit beschäftigt.

Neuer Werkstoff aus Bergkristall

Küchs Innovationen sind topaktuell: „Er hatte immer die industrielle Verwendung vor Augen“, erzählt Achim Hofmann, Entwicklungsleiter bei Heraeus Quarzglas. So erfand Küch nicht nur das Verfahren für die Quarzglasverarbeitung, sondern auch das Material an sich.

Ende des 20. Jahrhunderts schmolz der Chemiker einen Bergkristall in einer Knallgasflamme bei 2.000 Grad Celsius. Das Ergebnis war ein blasenarmes, optisches Quarzglas. Ein neuer Werkstoff war gewonnen. „Die Vielfalt der physischen und optischen Materialeigenschaften macht Quarzglas auch heute noch so reizvoll“, so Physiker Hofmann. „Dafür gibt es viele Einsatzmöglichkeiten, von denen die Wirtschaft profitiert.“

Heraeus liefert Vor- und Zwischenprodukte an die Halbleiter-, Telekommunikations- und Lampen-Industrie sowie für Photovoltaik. Das leistungsfähige Material, natürlich aus Quarzsand oder synthetisch aus einer Silizium-Verbindung gewonnen, ist aus der Industrie nicht mehr wegzudenken.

Suche nach einem neuen Küch

Etwa die Glasfasern, die im Vergleich zu Fensterglas um viele Zehnerpotenzen reiner sind und 15.000-mal mehr Licht durchlassen. Sie können Datenmengen in unfassbarer Geschwindigkeit transportieren. „Sogar auf dem Mond findet sich seit Jahren ein Produkt aus unserem Haus: Die Laser-Reflektoren, die dort den Abstand zwischen Mond und Erde messen, bestehen aus Quarzglas“, erklärt Hofmann.

Küch setzte viele Meilensteine. Auch das erste Firmen-Patent ist ihm zu verdanken: Die Vergoldung von Platin-Blech. Zum Kessel geformt, vereinfachte Gold-Platin-Blech das Aufkonzentrieren von Schwefelsäure. Heizwicklungen für Elektrowärme-Öfen und das normierte Platin-Widerstandsthermometer entstammen ebenfalls seinem Hirn. Mit diesem Verfahren werden heute Temperaturmessungen beispielsweise in der Stahl-Industrie durchgeführt.

Wie gut, dass die Heraeus-Brüder Wilhelm und Heinrich damals ihren Schulfreund Küch als Leiter der wissenschaftlichen Forschung eingestellt haben.

Dem Genie zu Ehren gibt es nun ein Projekt mit Heraeus-Auszubildenden und Schülern. Thema: Was braucht die Welt? Vielleicht hoffen die Hanauer dabei auch auf einen kleinen Küch ...

Tina Schilp

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