Zukunfts-Trends

Energie sparen, Lärm schlucken, Flugzeuge abspecken: Jetzt kommen die neuen Wunder-Textilien

Putzfaser: Jörg Ortmeier mit gelber Viskose für Reinigungstücher. Foto: Wirtz

Windeln fürs Eigenheim

Beispiel 1: twe hilft mit seinen Vlies-Stoffen, Heiz-Energie zu sparen

Emsdetten. Da muss man erst mal drauf kommen: Der Stoff, der heute schon Babypopos trocken hält, wird in Zukunft Hauswände dämmen. Die ungewöhnliche Anwendung haben sich die Entwickler der twe group in Emsdetten (Münsterland) ausgedacht. „Wir konzentrieren uns vollständig auf die Produktion von Vlies“, so Geschäftsführer Jörg Ortmeier.

Das Unternehmen war eine der Stationen bei der diesjährigen Journalistenreise der Zukunfts­initiative Textil, kurz: Zitex. Ständig experimentieren die 230 Mitarbeiter mit neuen Mischungen aus Polyester, Polypropylen oder Viskose. Daraus entstehen Vliese. Sie sind das Hauptgeschäft der Emsdettener.

Monatlich verlassen mehr als 1.500 Tonnen dieser nicht gewebten, textilen Flächen die Produktion. Aus ihnen machen die Emsdettener Spül- und Reinigungstücher, Medizinprodukte wie Wundauflagen sowie Luft- und Wasserfilter.

Die neuen Anwendungen führen die Mitarbeiter auch ins Ausland. Wie im Sommer 2010. Da lieferte twe ein Vlies, mit dem im Golf von Mexiko große Mengen Öls aufgefangen werden konnten. Es stammte von der explodierten Ölplattform „Deepwater Horizon“. Damals verschmutzten 800 Millionen Liter Rohöl das Meer.



Mobile Wand schluckt Lärm

Beispiel 2: Ceno Tec schneidert weltweit für Stadien und Messehallen

Flüster-Membran: Wolfgang Rudorf-Witrin vor der Lärmschutzwand. Foto: Wirtz
Flüster-Membran: Wolfgang Rudorf-Witrin vor der Lärmschutzwand. Foto: Wirtz

Greven. Bauen mit Textilien. Damit beschäftigt sich der Mem­brane-Hersteller Ceno Membrane Technology (Ceno Tec) im westfälischen Greven. „Wir sind der Schneider der Bau-Industrie“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Rudorf-Witrin.

Weltweit geben die robusten Mem­bran-Konstruktionen den Dächern von Bahnhöfen, Flughäfen und Messegeländen Halt. Die komplette Fertigung übernehmen die 140 Mitarbeiter vor Ort in Greven. Zurzeit erneuert Ceno das Dach der Schalke-Arena und ist an Stadionbauten für die Fußball-WM 2014 in Brasilien beteiligt.

Vorteil der textilien Bauelemente: Sie sind leichter, flexibler und kosten weniger als vergleichbare Betonkons­truktionen. Das macht sie auch für andere Anwendungen interessant – wie den Lärmschutz. Die Grevener haben eine mobile, aufblasbare Lärmschutzwand entwickelt. Damit lässt sich Lärm um bis zu 20 Dezibel reduzieren. Das entspricht dem Unterschied zwischen einer viel befahrenen Autobahn und einem leisen Gespräch am Nachbartisch. Rudorf-Witrin: „Sie könnte Anwohner vor Baulärm schützen.“

Auch im Hochwasserschutz ist Ceno Tec aktiv. So lässt sich bei Hochwasserwellen mit einem mobilen Deich wertvolle Zeit sparen. „Vier Personen errichten 100 Meter Mobildeich in nur einer Stunde.“ Messungen haben ergeben: Er ist damit 92-mal schneller errichtet als ein vergleichbarer Sandsackdamm.


Gardine gegen dicke Luft

Beispiel 3: Schmitz-Werke haben 50 Patente auf Stoffe

Entpannt: Dan Schmitz mit Vater Justus auf dem „Relax-Seat“. Foto: Wirtz
Entpannt: Dan Schmitz mit Vater Justus auf dem „Relax-Seat“. Foto: Wirtz

Emsdetten. Orange-gelbe Blockstreifen – solche Markisenstoffe zieren bis heute Tausende Balkone und Gärten und bieten im Sommer angenehmen Schatten. Was vor 50 Jahren mit dem ersten voll synthetischen Markisenstoff begann, hat sich zum Hightech-Gewebe entwickelt. Verantwortlich dafür: die Schmitz-Werke in Emsdetten.

Heute nutzt der 800-Mann-Betrieb mehr als 50 Patente, um Markisen, Gardinen- oder Kissenbezügen neue Eigenschaften zu geben.

So zieht der „Air“-Stoff Gerüche aus der Luft und durchsichtige, sogenannte „energetische Gewebe“ reflektieren bis zu 30 Prozent des natürlich vorkommenden Infrarotlichts. Fensterrollos aus diesem Gewebe lassen zwar Sonnenlicht durch, blocken aber die Sonnenwärme ab. In den so ausgesstatteten Räumen bleibt es kühl.

Das kommt weltweit an. „Wir exportieren sehr viel nach Korea und China. Unsere Qualität ist da gefragt“, sagt Dan Schmitz, geschäftsführender Gesellschafter der Schmitz-Werke.

Neuerdings sorgt ein weiterer Stoff für Entspannung – auch unter der Markise. Die Spezialisten haben ein robustes Outdoor-Gewebe entwickelt, das Sommer wie Winter dem Wetter trotzt.

Damit erübrigt sich in Zukunft das nervige Wegräumen der Gartenmöbel, wenn der nächste Regenguss naht.


Faser macht Flieger leicht

Beispiel 4: SAERTEX-Know-how im Riesen-Airbus

Saerbeck. In diesem Jahr wird der Hersteller von textilen Gelegen SAERTEX 100.000 Tonnen Glasfaser verarbeiten. Die Spezialfasern sind extrem leicht und fest. Deshalb werden diese Gelege immer häufiger in Autos, Flugzeugen und sogar Raketen verbaut. „Im Vergleich zu Aluminium kann man das Gewicht beträchtlich verringern“, sagt Geschäftsführer Bruno Lammers.

In den Flügeln des größten Verkehrsflugzeugs der Welt, dem A 380, spielen die Spezialgelege von SAERTEX schon eine tragende Rolle. Durch das geringere Gewicht spart der Riesenvogel eine ganze Menge Treibstoff. Trotzdem: „Die Welt der Faserverbundstoffe steht noch ganz am Anfang“, meint Lammers.

Deshalb entwickeln 70 Ingenieure am Standort Saerbeck nahe Münster immer neue Anwendungsmöglicheiten. Dazu gehören Verstärkungen für Rotorblätter von Windkraftanlagen oder Schläuche, mit denen defekte Abwasserkanäle abgedichtet werden, ohne dass Straßen aufgerissen werden müssen. Ausgehärtet werden diese „Liner“ dann durch UV-Licht.

Mit der Nachfrage nach Verbundstoffen ist auch das Unternehmen gewachsen. Im Jahr 1982 wurde es als Sechs-Mann-Betrieb gegründet. Heute arbeiten in den elf Tochtergesellschaften rund um den Globus 1 000 Mitarbeiter, 500 davon am Standort in ­Saerbeck.

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