Medizin

Eine Pille verändert die Welt


Seit fast 50 Jahren ist Bayer Schering in Bergkamen auf die Hormon-Herstellung spezialisiert

Bergkamen. Bei der Herstellung von Hormonen arbeitet der Chemie-Facharbeiter Ingo Matat hochkonzentriert. Denn diese Botenstoffe können im menschlichen Körper starke Reaktionen auslösen – etwa eine Schwangerschaft vortäuschen. In Form der „Pille“ nutzen Millionen Frauen sie heute zur Schwangerschaftsverhütung.

Im Wirkstoffbetrieb A von Bayer Schering Pharma in Bergkamen füllt Matat die einzelnen Zutaten in die Rührwerke: „Nach Rezept, wie beim Kuchen backen“, erklärt er. Vor dem Betreten der Abfüllräume legt er einen  Schutzanzug an, fast wie ein Astronaut. So können weder die Wirkstoffe den Menschen schaden noch werden die Substanzen verunreinigt.

Bis zu 19 Synthese-Schritte sind nötig, um das End­produkt herzustellen. „Hormone sind Naturstoffe. Dadurch ist ihre Herstellung  aufwendiger als die vieler anderer Wirkstoffe“, sagt Mikrobiologe Frank Berendes, Leiter des Wirkstoffbetriebs. Am Schluss wird das Hormon-Präparat, ein weißes Pulver, an anderen Standorten des Konzerns zu Tabletten gepresst und in Blister (Sichtverpackung) verpackt.

Diese liegen dann auf unzähligen Nachttischen in aller Welt, Millionen und Abermillionen Frauen nehmen die Pille jeden Tag ein.

Fast 50 Jahre ist es her, dass die erste Pille zur hormonellen Verhütung in den USA auf den Markt kam. In Westdeutschland führte Schering kurz darauf ein Präparat („Anovlar“) ein, offiziell als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Ausgewählte Ärzte durften die Pille nur an verheiratete Frauen  abgeben – mit dem Einverständ­nis  der  Ehemänner.

Planungsfreiheit im Berufsleben

Ein halbes Jahrhundert und eine sexuelle Revolution später ist die Pille das Mittel der Wahl für 54 Prozent der 20- bis 44-jährigen Frauen hierzulande, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Ihre gesellschaft­lichen „Nebenwirkungen“ sind enorm: Sie hat den Frauen  Planungssicherheit über ihre Geburten gegeben und somit die Möglichkeit, in Ausbildung und Beruf zu

investieren.

Die Geschichte der Pille ist mit der Geschichte des Produktionsstandorts Berg­kamen, der im  September ebenfalls seinen 50. Jahrestag feierte, eng verbunden.

Schon bald nach der In­betriebnahme konzentrierte man sich auf die Herstellung künstlicher Hormone für die Familienplanung sowie die Behandlung von Frauenkrankheiten.

Die Dosierungen wurden dabei immer niedriger. Seit 2009 gibt es zudem eine Pille, deren Wirkstoff sich im Körper schnell in ein natürliches Östrogen verwandelt.

Heute ist Bayer Schering Pharma Weltmarktführer auf dem Gebiet der hormonellen Verhütung. Die Zugpferde sind niedrig dosierte Pillen („YAZ“, „Yasmin“, „Yasminelle“; Umsatz damit: 1,3 Milliarden Euro im Jahr 2009).

Mehr Azubis als geplant

Die Produktion läuft rund um die Uhr, viele der 1.500 Beschäftigten arbeiten im Schichtbetrieb. Ohne die Fachkräfte ginge nichts. Ausbildung wird großgeschrieben, gerade starteten 45 junge Leute in den Beruf – obwohl es ursprünglich nur 33 Plätze gab. Unternehmenssprecher Jürgen Bosüner:

„Nachdem die letzte Zeche in unserer Region geschlossen hat, ist das unser Beitrag für mehr Lehrstellen.“

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