Familienunternehmen

Eine Frau steht ihren Mann als couragierte Unternehmerin


Mülheim. Rainer Menzel (51) legt das Werkstück aus der Hand, atmet tief durch. Und sagt: „Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie das hinkriegt!“
Ein größeres Lob kann es für Heike Gothe (49), die Geschäftsführerin der Mülheimer Gothe GmbH, kaum geben. Seit 22 Jahren ist der Zerspanungsmechaniker Menzel dabei. Er hat den Schock erlebt, als 2005 der Geschäftsführer Wolfgang Gothe starb – und keiner wusste, wie es mit der 40-Mann-Firma weitergehen sollte.

Ein Ohr für die Nöte der Mitarbeiter

Auch Heike Gothe nicht: „In nur wenigen Wochen musste ich es schaffen, von der Frau vom Chef zum Chef zu werden.“ Offensichtlich ist ihr das gelungen.

Heute, zum 90-jährigen Firmenjubiläum, liegt der Umsatz bei 4,5 Millionen Euro, wie in den letzten fünf Jahren auch. Die Gothe GmbH ist grundsolide, sie firmiert seit Anbeginn auf eigenem Grund und Boden. Man ist stolz darauf, kein Fremdkapital in der Firma zu haben.

Dass dies so ist, liegt auch an einem roten Ding, dem sprichwörtlichen Gothe-Kasten. Er verkörpert wie kein anderes der 3.000 Zubehör-Produkte die Nische, in der die Firma agiert: explosionsgeschützte Hochspannungsverbindungstechnik, die gut und gerne 36.000 Volt aushält.

„Der Kasten kann auch da eingesetzt werden, wo Gase austreten können“, erklärt die Unternehmerin. Es gebe weltweit kein anderes Unternehmen, das so etwas herstellt.

Die mannshohen Kästen, die innendrin armdicke Kabel sicher verbinden oder verteilen, wurden ursprünglich nur für den Bergbau benötigt. Heute verrichten sie ihren Dienst auch auf Bohrinseln, in Kraftwerken, Chemieanlagen, Containerterminals oder Windanlagen. Weltweit.

So liefern sie zum Beispiel den Strom für riesige Tunnelbohrmaschinen und Tagebaubagger. Und versorgen auch die gewaltigen Baumaschinen, die für die Olympischen Winterspiele 2014 im russischen Sotschi im Einsatz sein werden.

Als hätte sie nicht genug damit zu tun, den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebs zu sichern, sucht Heike Gothe überdies das soziale Engagement. Am Arbeitsgericht Essen ist sie als ehrenamtliche Richterin tätig. Und in der eigenen Firma macht sie sich stark für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Beispielsweise so: Muss ein Mitarbeiter zu Hause die pflegebedürftigen Eltern versorgen, sucht sie nach einer praktikablen Lösung. Denn Personalfragen sind Sache der Chefin: „Bei mir soll niemand seinen Jahresurlaub für die Pflege opfern.“

„Ich konnte mich auf jeden verlassen“

Die zweifache Mutter will so vielleicht etwas zurückgeben an ihre Mitarbeiter, die ihr halfen, den Job als Firmenchefin zu meistern. Und die ein Jahr lang den „Laden am Laufen“ hielten, als sie 2010 den Brustkrebs besiegen musste: „Ich konnte mich auf jeden Einzelnen verlassen.“

Dass sie trotz ihrer Schicksalsschläge so ihren Mann steht, beeindruckt. Auch Rainer Menzel. Er hält das Messingteil wieder in der Hand und sagt: „Frauen machen so einen Führungsjob genauso gut wie Männer – vielleicht sogar besser.“

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