Arbeitswelt

Eine Frau auf Schicht


Blaumann statt Kostüm: Tina Sauer arbeitet gern in der Nacht

Mainz. Zwei Uhr morgens. Es ist dunkel, kalt, und es regnet. Chemikantin Tina Sauer ist das egal: Sie zieht ihre Jacke an, setzt den Helm auf und marschiert nach draußen – Kontrollgang beim Chemie-Unternehmen Ineos Paraform in Mainz.

Überall raschelt, brummt oder surrt etwas im Formaldehydbetrieb. Angst hat die 29-Jährige trotzdem nicht: „Wieso auch?“, sagt sie. „Wenn ich mich irgendwo sicher fühle, dann hier auf dem Firmengelände.“

Frauen sorgen für guten Umgangston

Eine Frau, die in der chemischen Industrie nachts Schichtarbeit leistet, ist selten. Und das, obwohl der Gesetzgeber die Nachtarbeit für Frauen schon seit sieben Jahren erlaubt. „Als wir Frau Sauer 2002 eingestellt haben, hat sie bei uns quasi Pionierarbeit geleistet“, berichtet Werkleiter Ulrich Schmidt.

Heute sind bereits sieben Frauen in den Betriebsanlagen unterwegs. Schmidt schätzt die gemischten Teams sehr: „Der Umgangston und das Sozialverhalten sind viel höflicher als in reinen Männergruppen.“

Die Kollegen staunten damals nicht schlecht, als Tina Sauer in ihre Gruppe kam. Und ganz selbstverständlich ihren Platz in der Messwarte, im Labor, im Stellraum und in der Kolonne einnahm.

„Anfangs dachten wir, na, ob die das packt? Aber das hat Tina uns dann schnell bewiesen“, meint Kollege Karsten Hofmann.

Erst hielten ihr die Männer noch die Tür auf oder trugen ihren schweren Werkzeugkoffer. „Das hat sich schnell gelegt“, sagt die junge Frau lächelnd und reinigt nebenbei geschickt einen Filter.

Ursprünglich wollte sie Rechtsanwaltsgehilfin werden. Doch das gefiel ihr nicht besonders. „Den ganzen Tag im Büro sitzen? Nein danke!“ Auf Anraten ihres Vaters hin absolvierte sie ein Praktikum in der chemischen Industrie: „Da wusste ich gleich, das mache ich.“ Dass sie hier das Kostüm mit Blaumann, Helm, Sicherheitsschuhen und -brille tauscht, stört sie wenig: „Das ist praktisch und genau die richtige Kleidung.“ Auch die wechselnde Arbeitszeit der Früh-, Mittel- und Nachtschicht gefällt ihr: „Da habe ich genügend Zeit für Arzt- und Behördengänge, die Einkäufe und mein Pflegepferd.“

Keine Angst vor Männern

Ineos bildet Frauen auch aus: „Sie haben ein gutes Gefühl für die Anlagen und arbeiten sorgfältig“, meint der Werkleiter. Wie Azubi Nina Beschle, Chemikantin im dritten Lehrjahr: „Ich mag die Mischung aus Theorie und Praxis.“

Berührungsängste mit Technik, Männern und Arbeit bei jedem Wetter haben beide Frauen nicht: „Wenn wir so penibel wären, dann wären wir nicht hier“, bringt es Tina Sauer auf den Punkt.

Sabine Latorre

Info: Ineos Paraform GmbH & Co. KG

Die Ineos Paraform GmbH & Co. KG in Mainz-Mombach ist auf Methanolderivate spezialisiert. Die finden überwiegend in der Papier-, Leder-, Pflanzenschutz-, Kunststoff- und Textilindustrie Verwendung. Man nutzt sie zudem zum Konservieren, Desodorieren und Desinfizieren. 170 Mitarbeiter produzieren jährlich 100.000 Tonnen und erwirtschaften damit einen Umsatz von 65 Millionen Euro.

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang