Fachkräftelücke

Eine betriebliche Weiterbildung kann für Mitarbeiter die zweite Chance sein

Neue Aufgabe: Anika Barz poliert optische Linsen. Foto: Karmann

Wendelstein/München. Anika Barz hatte im Berufsleben bislang wenig Glück. Die gelernte Metzgerei-Verkäuferin hangelte sich von einem Hilfsjob zum anderen, arbeitete für einen Kindergarten, im Handel und als Bedienung. „Das war aber alles nichts“, sagt sie.

Vor drei Jahren fing sie neu an – in der Industrie. Als Angelernte arbeitet sie seitdem bei Sill Optics, einem Hersteller von optischen Linsen und Objektiven in Wendelstein nahe Nürnberg. Dort zeigt sie Talent – und Ehrgeiz: „Ich will in Zukunft unsere Maschinen auch einrichten können und nicht nur bedienen.“

Seit diesem Frühjahr macht Barz deshalb eine berufsbegleitende Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin – ihre zweite Chance. Sill Optics ist wie viele Firmen in Bayern daran interessiert, dass Mitarbeiter fachbezogene Berufsabschlüsse erwerben (siehe auch Beispiele weiter unten). Denn die Anforderungen in den Betrieben werden höher. Die Zahl der Hilfstätigkeiten sinkt.

Gleichzeitig wird es aufgrund des demografischen Wandels immer schwieriger, qualifizierten Nachwuchs zu finden. Experten prognostizieren, dass 2020 in Bayern 230.000 Fachkräfte fehlen, davon 160.000 mit einer dualen Ausbildung.

Die betriebliche Weiterbildung hilft, das Problem zu entschärfen. Und sie bringt auch den Mitarbeitern Sicherheit – besonders denen, die noch gar keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Unter ihnen ist der Anteil der Arbeitslosen viermal höher als unter Facharbeitern.

Der Weg zum späten Berufsabschluss ist jedoch anspruchsvoll. Es gibt sanftere Einstiege in die Weiterbildung – etwa eine sogenannte Teilqualifizierung: Dabei wird weniger, aber ganz gezielt vermittelt, was im Job weiterhilft. Und wer so das Lernen für sich wiederentdeckt, kann danach immer noch einen vollwertigen Berufsabschluss in Angriff nehmen. Seit dem Jahr 2009 haben rund 14.000 Mitarbeiter bayerischer Unternehmen die Angebote der Teilqualifizierung für sich genutzt.

Die Sill-Optics-Mitarbeiterin Barz hatte jedoch von Anfang an einen Abschluss als Ziel. Jeden Samstag sitzt sie nun mit Gleichgesinnten im Unterricht – und opfert dafür Freizeit. „Ich will im Betrieb endlich mehr Verantwortung übernehmen“, sagt sie.



Mehr Verantwortung: Holger Reckziegel wartet jetzt auch Spritzgussmaschinen. Foto: Karmann
Mehr Verantwortung: Holger Reckziegel wartet jetzt auch Spritzgussmaschinen. Foto: Karmann

Er ist spät durchgestartet

Für Holger Reckziegel (38) begann alles mit der Teilqualifizierung

Ansbach. Wenn Holger Reckziegel auf die Zeit von 2009 bis 2011 zurückblickt, kommen ihm vor allem zwei Gedanken in den Sinn. „Es war knallhart“, erzählt der Anlagenführer des Automobilzulieferers Bosch in Ansbach. „Aber die Weiterbildung hat sich gelohnt.“

Reckziegel ist im fortgeschrittenen Alter noch einmal beruflich durchgestartet. 2011 hat er die Prüfung zum Industriemechaniker bestanden – mit 36 Jahren: „Ich hatte eine einmalige Gelegenheit.“

Über zwei Jahre jeden Samstag in der Berufsschule

Vor vier Jahren bot sein Arbeitgeber den Mitarbeitern eine Teilqualifizierung an. Reckziegel, gelernter Elektriker und seit neun Jahren Hilfsarbeiter an einer Spritzgussmaschine, bewarb sich – und war schon fünf Monate später Fachkraft für Industriemechanik. Danach ging es berufsbegleitend bis zum Berufsabschluss weiter.

Zwei Jahre lang saß er jeden Samstag in der Berufsschule. „Ich musste plötzlich wieder lange still sitzen und neu lernen zu lernen“, berichtet er. Aber am Ende hielt er sein Zeugnis in den Händen – und konnte im Werk aufsteigen.

Als Anlagenführer ist Reckziegel jetzt für Maschinen verantwortlich. Er stellt sie ein, übernimmt die Wartung, analysiert Fehler, repariert mechanische Defekte. „Früher habe ich Probleme weitergegeben“, sagt er. „Heute löse ich sie.“

Das Geld, das er in der neuen Funktion mehr verdient als früher, das nimmt er natürlich gerne mit. „Viel wichtiger ist mir jedoch die interessantere und abwechslungsreichere ­Tätigkeit.“


Bewährte Kraft: Julius Endres kümmert sich um Profile für Sonnenschutzsysteme. Foto: Scheffler
Bewährte Kraft: Julius Endres kümmert sich um Profile für Sonnenschutzsysteme. Foto: Scheffler

Er hängt sich voll rein

Julius Endres (37) hat sich hochgearbeitet

Marktheidenfeld. „Ihm merkt man an, dass er weiterkommen will.“ So beschreibt der Vorgesetzte Jürgen Diener seinen Mitarbeiter Julius Endres. Diener ist Leiter der Abteilung Pulverbeschichtung von Warema, einem Hersteller von Sonnenschutzsystemen in Marktheidenfeld bei Würzburg.

Endres ist bereits seit 1997 in der Firma. Und der gelernte Schreiner hat sich trotz seiner berufsfremden Ausbildung hochgearbeitet. Er ist Gruppensprecher für rund 50 Kollegen. „Und in der Fertigung ist er der verlängerte Arm seines Chefs“, sagt Diener.

Eine passende Berufsausbildung nachzuholen, war für Endres allerdings nie drin. „Ich habe zwei Kinder und zahle ein Haus ab“, erzählt er. „Wie soll das mit einem Azubi-Gehalt gehen?“

2012 aber begann Warema für zwölf Mitarbeiter ein achtmonatiges Weiterbildungsprogramm zum Maschinen- und Anlagenführer. Endres war gesetzt – und wurde dafür wie alle anderen freigestellt. Er musste viel rechnen in dieser Zeit. Auch technisches Zeichnen stand an. Im vergangenen Mai machte er dann seinen Abschluss.

„Anleitungen und Pläne verstehe ich jetzt viel besser“, sagt Endres. Und bei Problemen habe er schneller den Überblick. Das merken wohl auch seine Kollegen: „Sie fragen nun häufiger bei mir nach, um sich abzusichern.“

Interview

Foto: Bibb
Foto: Bibb

„Es lohnt sich meistens“

Was Firmen in der Weiterbildung beachten müssen, erklärt Reinhold Weiß, stellvertretender Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung in Bonn.

Welche Rolle spielt die betriebliche Weiterbildung für Unternehmen?
Der Trend ist eindeutig: Die Bedeutung wächst. Da es für Betriebe immer schwieriger wird, qualifiziertes Personal zu finden, müssen sie häufiger als früher selbst in Mitarbeiter investieren.

Wie machen sie das?
Sie unterstützen zum Beispiel dabei, Berufsabschlüsse nachzuholen. Oft stellen sie ihre Mitarbeiter dafür von der Arbeit frei. Das kommt sie sehr teuer. Aber meistens lohnt es sich.

Und Mitarbeiter opfern manchmal ihre Freizeit.
Wenn ihnen eine Weiterbildung auch persönlich nutzt, etwa Fremdsprachenkenntnisse bringt, ist das richtig. Anders sieht es mit betriebsspezifischem Wissen aus, das bei anderen Arbeitgebern wertlos wäre.

Sollte das Nachholen eines Berufsabschlusses immer das Ziel sein?
Nicht jeder ist dazu willens oder geeignet. Ältere haben oft Angst vorm Lernen oder fühlen sich überfordert. Kleinere Schritte können schon wertvoll sein. Zudem motivieren Erfolgserlebnisse und können eine positive Entwicklung in Gang setzen.

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