Textil-Industrie

Ein Unternehmen denkt um


Warum der Gardinen-Hersteller ADO jetzt auch die Auto-Industrie beliefern will

Papenburg. Einen Industriebetrieb kann man sich wie einen Güterzug in voller Fahrt vorstellen. Eine andere Richtung ansteuern – das geht da nicht mal so eben. Und noch länger muss es dauern, wenn nur ein Teil des Zuges ein neues Ziel anpeilen soll.

Kein Wunder also, dass für die Rangierarbeiten in einem unserer namhaftesten Textilbetriebe einige Jahre nötig waren: Bei ADO in Papenburg ist sozusagen der halbe Zug auf ein neues Gleis gesetzt worden. Neben den international bekannten Gardinen werden nun Stoffe für technische Anwendungen gefertigt.

Wie geht das konkret – völlig neue Produkte ins Visier nehmen und damit auch ganz neue Märkte? ADO hat zu diesem Zweck die „Deutsche Textilfabrik“ (DTF) gegründet. Die neue Tochter nutzt den riesigen Maschinenpark und beschäftigt vor allem die Produktionsmitarbeiter: rund 300 Menschen.

Ungenutztes Potenzial

Einer von ihnen ist Maschinenführer Werner Metz. Nach über 20 ADO-Jahren war ihm nicht wohl dabei, in die neue Firma zu wechseln – obwohl sich Bezahlung & Co. nicht änderten. Heute sagt er: „Im Nachhinein finde ich das richtig; ich will hoffen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Musterweber Thomas Niemann, ebenfalls mehr als 20 Jahre im Betrieb, spricht von einer „neuen Chance“.

Dass man diese Chance dringend nötig hatte, macht DTF-Produktionsleiter Winfried Strack klar: Selbst Gardinen mit Goldkante sind nicht mehr so gefragt wie ehedem. Die Auslastung sank. Und sank. „Schließlich waren 40 Prozent unserer Kapazität ungenutzt“, sagt Strack.

Und wo vier von zehn Maschinen ruhen – da müsste eine Schrauben-Fabrik über kurz oder lang wohl vier von zehn Leuten entlassen. Der Stellenabbau bei ADO fiel geringer aus; etwa 100 Kollegen mussten gehen. Für die meisten Mitarbeiter aber ist es ein Glücksfall, dass sich mit den Maschinen für die Gardinen-Produktion auch andere Sachen machen lassen!

Etliche Betriebe haben das ja schon vorexerziert: Die deutsche Textil- und Modebranche erzielt heute rund die Hälfte ihres Umsatzes mit „technischen Textilien“.

Was man darunter versteht, zeigt Strack beispielhaft an einigen DTF-Produkten: Gitter-Gewebe für Lüftungen, Bezüge für Autositze, Stoffe für Schallschutz-Segel oder Hochdruck-Schläuche – und so fort.

Neue Auftraggeber

„So was macht ihr?!“ Das, erzählt Strack, sei die übliche Reaktion neuer Kunden. Die dann aber rasch begönnen, die Vielfalt der Anlagen am Standort zu inspizieren, von der Garnfärberei bis zur Druckerei: „Weben, wirken, sticken, veredeln, beschichten, beflocken, prägen – es gibt aus textiler Sicht fast nichts, was wir hier nicht können.“

Das scheint anzukommen. Mit 25 Millionen Euro Umsatz rechnet die DTF dieses Jahr. Schon ein Fünftel davon wird nicht mehr mit ADO-Aufträgen gemacht, sondern mit den neuen Stoffen.

 

Artikelfunktionen


'' Zum Anfang