Vorgestellt

Ein preiswürdiges Stückchen Stoff


Rheine. So mancher Schüler wird Sandra Essing beneiden. Naturwissenschaften? Kein Problem. Biologie und Mathe als Leistungskurse am Gymnasium. Und die Berufsschule, die fiel der frischgebackenen Textillaborantin auch leicht. Die Prüfungsnote von 1,0 hört sich bei der jungen Frau, die beim Textilunternehmen Kettelhack in Rheine arbeitet, ganz einfach an.

Abheben tut sie trotzdem nicht, obwohl sie gerade den ersten Preis beim Nachwuchswettbewerb NEXT 2012 der Initiative „ZiTex – Textil und Mode NRW“ gewonnen hat.

Der Preis soll herausragenden Nachwuchs auszeichnen – wie Sandra Essing. Die Münsterländerin reichte kein perfekt geschnittenes Kleid, keine besondere Modekreation – sondern überzeugte die Jury mit ihren schulischen Ergebnissen und einem Stück Stoff, das sie bei ihrer Abschlussprüfung analysierte.

Exakte Farbwahl auch nach einem Jahr

Der präzise Blick auf Gewebe und Stoffe gehört heute zu ihrer Arbeit im Labor von Kettelhack. Dort arbeitet Essing seit ihrer Übernahme: „Ich prüfe zum Beispiel die Farbechtheit der Stoffe, ob beim Waschen, Reiben oder Schwitzen. Auch die Festigkeit des Materials untersuche ich.“

So wird etwa das Knitterbild eines Stoffs beurteilt. Der 22-Jährigen gefällt es im Labor: „Es ist eine praktische Arbeit, bei der man aktiv ist und nicht nur am PC sitzt. Und es ist abwechslungsreich.“

Die Textillaborantin bekommt ausschließlich einfarbige Gewebe auf den Tisch. Daraus entstehen in Rheine Bettwäsche für Hotels und Krankenhäuser oder Stoffe für die Konfektionierung von Berufskleidung.

Deren Herstellung ist für die knapp 100 Mitarbeiter eine Herausforderung: „In einem Uni-Gewebe sehen Sie jede kleine Ungleichmäßigkeit im Stoff und in der Farbe“, sagt Jan Kettelhack, der das vor 138 Jahren gegründete Familienunternehmen heute führt. Entsprechend hoch sind die Ansprüche der Abnehmer. „Es kann sein, dass ein Kunde ein Jahr nach der Belieferung noch 1.000 Arbeitsjacken hat, weil der Sommer sehr warm war, aber nicht mehr die passenden Hosen. Dann bestellt er Gewebe für 1.000 Hosen, die exakt in demselben Kornblumenblau sein müssen“, erklärt Frank Brüning, Leiter der Ausrüstung bei Kettelhack.

Da aber nicht jede Charge von Farben und Rohstoffen gleich ist, muss die exakte Farbmischung erst gefunden werden. Kettelhack konzen­triert sich inzwischen ganz auf diese Veredlung von Textilien. „Das ist der entscheidende Punkt in der Wertschöpfungskette“, sagt Jan Kettelhack.

Sieben Tage Marokko zum Entspannen

Gut ausgebildete Fachkräfte sind da wichtig. Deshalb unterstützt der Unternehmer auch die Wettbewerbsinitiative der ZiTex. Denn er weiß, „dass die Textilwirtschaft ein Imageproblem hat. Die Leistungen im gewerblichen Bereich werden einfach zu wenig gewürdigt“, klagt er.

Bei Sandra Essing ist das nicht der Fall. Ihr Preis kann sich sehen lassen: Nächstes Jahr fliegt sie sieben Tage nach Marokko.

Preis für genähten Mantel: Carina Mareike Lange. Foto: bugatti

Städtetour und Fußballkarten

Der Einsatz in der Jugendund Ausbildungsvertretung brachte der Windsor-Modeschneiderin Tina Gräf den zweiten Platz beimm NEXT-Nachwuchswettbewerb ein.

Die 22-Jährige engagiert sich jetzt in eigener Sache. Sie hat ein Design-Studium an der Hochschule Niederrhein begonnen. Wenn es da mal zu stressig wird, hilft vielleicht ihr Preis: eine mehrtägige Reise in eine europäische Hauptstadt.

Carina Mareike Lange hat schon als Kind für ihre Puppen genäht: „So richtig gepackt hat es mich im Textilkunde-Unterricht in der Schule.“ Ihr Berufsziel: Modeschneiderin.

Nach dem Modenäherin-Abschluss beim Herrenausstatter bugatti in Herford näht die NEXT-Drittplatzierte jetzt an ihrem Abschluss zur Modeschneiderin. „Dafür stelle ich meinen prämierten Mantel fertig.“ Und danach? „Würde ich gern bei bugatti bleiben“, sagt der Fußballfan. Erstmal geht’s ins Stadion nach Mönchengladbach. Dort kann sie ihren Preis einlösen: zwei VIP-Fußballkarten.

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Schlagwörter: Ausbildung Textil

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