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Ein Mann unter Hochspannung


Der Mittelständler Grünewald sieht die Energiewende mit Sorge

 

 

Kirchhundem. Ein Dorf in einem engen Tal. Eine Kirche, im Gasthof „Zu den Linden“ werden Hochzeiten gefeiert. Willkommen im 800-Seelen-Nest Hofolpe, Gemeinde Kirchhundem, Sauerland. Und am Rande, über der Papierfabrik Grünewald, steigt Dampf auf. Sie gehört zum Ort wie Kirche und Kneipe – seit 1896.

 

 

 

Doch das Idyll täuscht. Christopher Grünewald (49), Geschäftsführender Gesellschaftler des 100-Mann-Unternehmens, steht unter Hochspannung. Sorge bereiten ihm die Folgen der Energiewende.

 

 

 

Mini-Preisanstieg, Maxi-Kostenwirkung

 

 

 

„Schon heute leidet unsere Branche extrem unter den dramatisch gestiegenen Energiekosten“, klagt der Mittelständler. Er befürchtet, dass sie durch den schnellen Atomausstieg noch mehr zulegen.

Der Betrieb stellt Papierrollen her – unter anderem für Brötchenbeutel, Blumenseiden und Tischservietten. Und verbraucht im Jahr so viel Strom wie 7.000 Mehrpersonenhaushalte: 28 Millionen Kilowattstunden. Zudem benötigt er viel Wärme für die Trocknung der Papierfasern.

 

 

 

Letztes Jahr summierten sich die Energiekosten auf 4,8 Millionen Euro, bei einem Umsatz von 36 Millionen. „Geht der Strompreis an der Börse pro Kilowattstunde um 1 Cent rauf, kostet uns das im Jahr 280.000 Euro zusätzlich“, so Grünewald, der das Familienunternehmen in der vierten Generation führt.

 

 

 

Schon jetzt sind die Indus-triestrompreise bei uns besonders hoch. Grünewalds französischer Konkurrent hat ein Viertel weniger zu zahlen. Und hierzulande kommt auf den Börsenpreis noch die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien (EEG) hinzu, die Anfang 2012 auf 3,59 Cent je Kilowattstunde steigt. Bei Grünewald würde das im Jahr rund 1 Million Euro ausmachen. Doch für Großverbraucher wie ihn gibt es Härtefallregelungen. Erreichen die Stromkosten 15 Prozent der Wertschöpfung (Umsatz minus Energie- und Materialkosten), dann gilt der Betrieb als energieintensiv; bei Grünewald sind es sogar 30 Prozent. Deshalb muss er nur ein Zehntel der EEG-Umlage zahlen.

 

 

 

 

 

 

 

Zudem ist der Großverbraucher weitgehend von der Ökosteuer befreit, die 1999 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder beschlossen wurde, um Anreize fürs Energiesparen zu schaffen. Trotzdem macht sich der Unternehmer – der auch Vorsitzender des Energieausschusses beim Bundesverband der Deutschen Industrie ist – Sorgen.

 

 

 

Denn die Ausnahmeregelung bei der Ökosteuer etwa kann 2012 von der EU-Kommission gekippt werden. Nur weil es derzeit als Gegenleistung die Klimaschutz-Selbstverpflichtung der Industrie gibt, betrachten die EU-Wettbewerbshüter sie nicht als illegale Subvention.

 

 

 

Aber nicht nur Kosten und Unberechenbarkeit der Politik bereiten der Wirtschaft Sorgen. Als Berlin im März auf einen Schlag sieben Atommeiler vom Netz nehmen ließ, musste allein einer von insgesamt vier Netzbetreibern bundesweit in den sechs Wochen danach gleich 500 Mal eingreifen, um Frequenzschwankungen oder sogar einen Blackout zu verhindern!

 

 

 

Unternehmer plante Ökostrom-Projekt

 

 

 

Fällt bei Grünewald die Spannung auch nur den Bruchteil einer Sekunde ab, fährt sich die Papiermaschine sofort herunter. Erst nach anderthalb Stunden läuft sie wieder. Grünewald: „Schon bei zwei bis drei Unterbrechungen pro Tag ist die Anlage nicht mehr wirtschaftlich.“

 

 

 

Dabei ist er im Prinzip kein Gegner der Öko-Energien. Er wollte auf dem Werksgelände ein Biomassekraftwerk bauen, für den Wärmebedarf seiner Firma. Doch eine Bürgerinitiative brachte das Projekt zu Fall.

 

 

 

 

 

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