Miteinander lernen

Ein Jahr Initiative zur Integration: So fördert die bayerische Wirtschaft Flüchtlinge

Erst ein Sprachkurs und Praktikum, dann womöglich der Ausbildungsplatz: Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft bringt junge Flüchtlinge und Unternehmen zusammen und fördert dadurch die berufliche Integration.

An der Werkbank: Ausbilder Marco Scheler von Kaeser mit Syrer Wasim Osso und Abu Sufyan Warraich aus Pakistan (von rechts). Foto: Werk

An der Werkbank: Ausbilder Marco Scheler von Kaeser mit Syrer Wasim Osso und Abu Sufyan Warraich aus Pakistan (von rechts). Foto: Werk

Gute Teamarbeit: Die Azubis Marie-Louise Fischer und Wasim Osso. Foto: Werk

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Engagiert: Kaeser hat zahlreiche Azubis aus dem Ausland eingestellt. Foto: Werk

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Motiviert: Der Afrikaner Mohamed Kondeh lernt bei der Firma Jännert in Kirchheim. Foto: Werk

Motiviert: Der Afrikaner Mohamed Kondeh lernt bei der Firma Jännert in Kirchheim. Foto: Werk

Erster Schritt: Schnupperpraktikum für Flüchtlinge bei Procter & Gamble. Foto: Werk

Erster Schritt: Schnupperpraktikum für Flüchtlinge bei Procter & Gamble. Foto: Werk

München / Coburg / Marktheidenfeld / Kirchheim. Rund 890.000 Flüchtlinge sind vergangenes Jahr nach Deutschland gekommen. Bayern hat es geschafft, Zehntausenden dieser Menschen ein Praktikum, eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz zu vermitteln – mehr als jedes andere Bundesland. Denn Staatsregierung, Wirtschaft und Arbeitsagentur haben rasch gehandelt.

Genau ein Jahr ist es jetzt her, dass ihre Initiative „Integration durch Ausbildung und Arbeit (IdA)“ gestartet ist. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) stellte dafür insgesamt zwölf Projekte auf die Beine, alle auf der Grundlage des Pilotversuchs „IdA120“. Damit hatte sie bereits im Frühjahr 2015 Bausteine für eine erfolgreiche Integration erprobt.

Mit den bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeberverbänden bayme und vbm steckt die vbw insgesamt 6,7 Millionen Euro in ihre aktuellen Projekte: in Sprachförderung und Berufsvorbereitung der Flüchtlinge, aber auch, um Firmen zu unterstützen, die diese bei sich aufnehmen. Das Angebot kam zur rechten Zeit. „Ohne die Hilfe der Verbände hätten wir es nicht geschafft“, heißt es etwa bei Kaeser Kompressoren in Coburg. 70 Praktikanten mit Fluchthintergrund durchliefen bei dem Druckluftspezialisten zwischen Februar und August ein jeweils mehrwöchiges Praktikum im Unternehmen.

„Die meisten hatten keine Zeugnisse“, erinnert sich Ausbildungsleiter Rüdiger Hopf, „die Bewerbung bestand oft nur aus einem Blatt: dem Lebenslauf.“ Doch bis zum Ausbildungsstart im September standen dank „IdA“ 21 passende Kandidaten fest. Sie machen nun bei Kaeser eine Ausbildung in einem Metallberuf.

Navigatorin besorgte alle nötigen Dokumente

„Die sorgfältige Auswahl war wichtig, um Enttäuschungen auf beiden Seiten zu vermeiden“, sagt Hopf über die Bewerbergruppe. Mit dem „IdA-KompetenzCheck“ und dem „M+E-Berufseignungstest“ in englischer Sprache wurde zunächst die Fachkenntnis geprüft. Über rechtliche Fragen rund um die Beschäftigung und Fördermöglichkeiten klärte das Servicecenter auf der Webseite der Verbände auf.

„Der Aufwand im Vorfeld war sehr hoch.“ Das will Hopf nicht verschweigen. Auch die IdA-Navigatorin für Oberfranken aktivierte ihr Netzwerk, brachte Ansprechpartner zusammen und besorgte die nötigen Genehmigungen der Behörden. Und so stehen heute neben rund 100 Azubis aus der Region und dem europäischen Ausland die Brüder Wasim und Jehad Osso (17, 19) aus Syrien und Abu Sufyan Warraich (24) aus Pakistan an der Werkbank. „Ich wollte nicht rumsitzen, sondern arbeiten“, sagt der junge Pakistani. Er ist froh, dass er etwas tun kann „für das Land, das mich aufgenommen hat“.

Damit alle Azubis gute Bedingungen vorfinden, hat Kaeser zwei zusätzliche Ausbilder eingestellt. Für die Flüchtlinge wird der Lehrstoff anders aufbereitet. „Vieles zeigen wir direkt an der Maschine“, so Marco Scheler, bei Kaeser Ausbilder für Elektroberufe. Auch Bilder verstehe jeder – „egal ob er Hindi, Farsi oder Arabisch spricht“. Das ist noch nicht alles: Die Ausbildungswerkstatt wurde erweitert, neue Maschinen wurden angeschafft. Da häufig die Sprache ein Hindernis ist, stellte man außerdem eine Deutschlehrerin ein. Sie erteilt in der Firma zusätzlichen Sprachunterricht. Im firmeneigenen Wohnheim stehen 30 Zimmer für die Jugendlichen bereit. Gute Bedingungen – schließlich sollen alle den Abschluss schaffen.

Vom Praktikum zur Ausbildung: Diesen Weg wählen auch andere Unternehmen, um Flüchtlinge mit Unterstützung der IdA-Initiative an Metall- und Elektroberufe heranzuführen. Zum Beispiel in Marktheidenfeld in Unterfranken. Hier haben sich zwei Firmen zusammengeschlossen, um die Integration gemeinsam zu stemmen: Warema, ein Hersteller von Sonnenschutzsystemen, und der US-amerikanische Konsumgüterkonzern Procter & Gamble – er lässt in seinem fränkischen Werk elektrische Zahnbürsten fertigen.

„IdA war für uns der Startschuss“, sagt Thomas Schäbler, Ausbildungsleiter von Procter & Gamble. Er hatte zuvor schon Schnupperpraktika für Flüchtlinge aus den lokalen Unterkünften und Schulen organisiert. Bei einem „Runden Tisch“ der Verbände kam er mit den Machern von IdA in Kontakt und klinkte sich dort gleich ein: Zwei Mitarbeiter schickte das Unternehmen zur IdA-Ausbilderqualifikation, einem Kurs, der sie im Umgang mit jungen Flüchtlingen schult. Inzwischen haben rund 500 Mitarbeiter aus 200 Betrieben in Bayern an einem solchen Workshop teilgenommen.

Bei Procter & Gamble kamen zudem vier Flüchtlinge mit abgeschlossener Schulbildung innerhalb eines berufsbezogenen Integrationskurses von „IdA 1000“ für zwei Wochen ins Unternehmen, machten dort Übungen zu Pneumatik und Metalltechnik.

„Sie waren gut vorbereitet, konnten Deutsch und wussten einiges über den Metallberuf“, lobt Schäbler die Kandidaten. IdA ist für ihn ein „Rundum-sorglos-Paket“. Inzwischen ist daraus noch mehr entstanden. Mit der Nachbarfirma Warema, die ebenfalls schon Erfahrung mit der Betreuung von Flüchtlingen hatte, wurde nach dem Vorbild des IdA-Projekts ein längerfristiges Programm zur Integration gestrickt, ebenfalls mit vorgeschaltetem Sprachuntericht.

„Wir haben zusammen 15 Zuwanderer aufgenommen“, so der Procter & Gamble-Manager Sie lernen in den beiden Firmen mehrere M+E-Berufe kennen – vom Industrieelektriker bis zum Fachlageristen. Ab März 2017 beginnt für sie eine Einstiegsqualifizierung. Sie dient der Vorbereitung auf eine zweijährige technische Ausbildung, die im Herbst 2017 beginnen soll. Schäbler: „Im Idealfall für alle 15.“

Ein geschickter Bewerber aus Afrika

Es ist ein langer Weg. Gerade kleineren Betrieben fällt es nicht leicht, an geeignete Bewerber zu kommen – obwohl es so viele Flüchtlinge gibt. „Aufwendige Erprobungsphasen können wir nicht stemmen“, stellt Thomas Jännert, Juniorchef von Jännert Planen und Fahrzeugbau in Kirchheim (30 Mitarbeiter) fest. Umso mehr freute er sich, als ihm die IdA-Navigatorin für Oberbayern Mohamed Kondeh vermittelte. Der 22-Jährige aus Sierra Leone nahm am Projekt „IdA-BayernTurbo“ teil, das Flüchtlinge mit guter Vorbildung binnen sechs Monaten auf eine Ausbildung vorbereitet – mit Deutschunterricht, Integrationskurs sowie Praktika.

Eines davon führte den Flüchtling zu Jännert, einem Hersteller von Auf- und Umbauten für Nutzfahrzeuge. Kondeh überzeugte durch seine zupackende Art und seine Freundlichkeit: „Er passte einfach zu uns“, sagt Juniorchef Jännert, dessen Firma in der Nachwuchssuche mit großen Konzernen konkurriert.

Motiviert und wissbegierig sind die meisten Flüchtlinge, die in bayerischen Betrieben unterkommen – auch wenn sie am Anfang viel Unterstützung brauchen. Darin sind sich die Betreuer und Ausbilder einig.

Auch der Afrikaner Kondeh zeigte im Betrieb großes Geschick. Und Jännert staunte, als er zufällig ein Gespräch zwischen dem damaligen Praktikanten und einem Mitarbeiter mit anhörte: Der gab Kondeh Tipps, wo er sich um einen Ausbildungsplatz bewerben könnte. Der Chef schritt kurzentschlossen ein und riet ihm, es doch lieber direkt bei ihm zu versuchen. Den Vorschlag fanden beide Seiten gut: Vor ein paar Wochen hat der Flüchtling aus Afrika in Kirchheim eine Ausbildung zum Metallbauer begonnen, ein klassischer Beruf mit dreijähriger Lehrzeit. Integration geglückt!

Der Arbeitsmarkt ist aufnahmefähig und gesund

  • Trotz Flüchtlingsansturm im Herbst 2015 hat Bayern ein Jahr später die niedrigste Arbeitslosenquote seit knapp 20 Jahren: 3,5 Prozent.
  • Vor allem der Mittelstand ist engagiert: 90 Prozent der Arbeitserlaubnisse für Flüchtlinge betreffen ihn.
  • Die besten Perspektiven haben jugendliche Zuwanderer, die eine Ausbildung beginnen.

Mehr zum Thema:

Über eine Million Flüchtlinge sind nach Deutschland gekommen. Welche Chancen haben sie auf dem Arbeitsmarkt? Wie engagieren sich Betriebe und Verbände, damit aus Fremden Kollegen werden? Was bedeutet die Zuwanderung für die Staatsfinanzen?

aktualisiert am 15.11.2017

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