Standpunkt

Ein großes Land


Amerika haben wir viel zu verdanken. Aber es ist nicht das Maß aller Dinge.

Viele Leser werden sich lebhaft daran erinnern, wie aus dem US-Präsidentenwahlkampf 2008 die Euphoriewelle rüberschwappte. Welch überbordende Hoffnung auf ein besseres Amerika der Kandidat Barack ­Obama zu erwecken vermochte. Skepsis war schon damals angebracht: Steckt hinter gekonntem Auftritt mit brilliant gesetzten, ans Gemüt gehenden Worten auch Substanz für eine erfolgreiche Präsidentschaft?

Längst ist das „Yes, we can“ dem Präsidenten und seiner Anhängerschaft im Halse stecken geblieben. Das Land geht den Bach runter, Massenarbeitslosigkeit und ausufernde Staatsverschuldung sind die augenfälligsten Anzeichen. Bestürzend: In der Finanzpolitik werden Fehler-Folgen dadurch „bekämpft“, dass man dieselben Fehler gleich noch einmal macht.

Eine gezielte Politik des lockeren Geldes hatte Immobilienpreise und -kredite so lange steigen lassen, bis 2008 die Blase platzte. Mit Folgen für das Finanzwesen und letztlich die Gesamtwirtschaft. Doch seither wird der Geldhahn munter immer weiter aufgedreht.

Notenbank und Regierung arbeiten Hand in Hand: Niedrigstzinsen, das Anwerfen der Notenpresse und kreditfinanzierte Konjunkturprogramme sind die Mittel der Wahl. Derweil steigt die Inflation. Und die Staatsverschuldung ist höher als die jährliche Wirtschaftsleistung.

Obgleich echte Erfolge nicht erkennbar sind, wird Europa gar noch gedrängt, es den USA gleichzutun. Kürzlich forderte Finanzminister Timothy Geithner von den Euro-Staaten, mehr Geld in die Hand zu nehmen – für Konjunkturprogramme, Stützung von Banken und Aufstockung des Rettungsschirms für überschuldete Länder. Europas Finanzpolitiker wiesen dies brüsk zurück. Bei ihnen reift die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann.

Obamas Demokraten steht eine veränderte Republikanische Partei gegenüber: Dort werden Kräfte hochgespült, die auf ihre Art gleichfalls eher Stimmungen schüren als Sachverstand aktivieren. Aber bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt. Dieses nicht nur geografisch große Land, dem wir die Beseitigung der Nazi-Herrschaft und generöse Hilfe zum Wiederaufbau verdanken, verfügt über erstaunliche Potenziale, sich zu regenerieren. 

Einstweilen jedoch ist es notwendiger denn je, dass Europas Politiker gegenüber den USA mit klarer und einheitlicher Stimme sprechen. Nehmen wir die Zurückweisung von Geithners Ansinnen dafür als Einübung und als Ausdruck guten Willens.

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