Rente: Was kommt nach dem Arbeitsleben?

Ein Bald-Ruheständler gibt Einblicke in sein Seelenleben

Frankfurt. Der Ruhestand: Die einen können ihn kaum erwarten, andere fürchten sich geradezu vor dem Ende ihres Arbeitslebens. Zwei Millionen Rentenanträge wurden 2014 in Deutschland gestellt. Einen davon hat Joachim Möll unterschrieben, langjähriger Mitarbeiter beim hessischen Mess- und Regeltechnikspezialisten Samson. Im Dezember geht Möll mit 65 Jahren in Rente – nach einem halben Jahrhundert in der Metall- und Elektro-Industrie. In AKTIV zieht der gelernte Mechaniker eine Bilanz seines Arbeitslebens. Und verrät, wie es weitergehen soll.

Kann das wirklich sein? Bloß noch 32 Werktage? Dann ist Schluss? Mein Arbeitsleben – aus und vorbei. Nach 50 Jahren! Wo ist eigentlich die Zeit hin?

Je näher dieser Tag rückt, an dem ich hier meinen Werksausweis abgeben und zum letzten Mal durchs Samson-Werktor gehen werde, desto öfter blicke ich zurück. Wie war mein Arbeitsleben eigentlich, was habe ich erreicht und geleistet in all diesen Jahren? Was hat sich verändert seit damals, als ich angefangen habe? Und: Was kommt jetzt? Was fange ich mit mir an? Wird die Rente reichen, um so leben zu können, wie wir uns das vorstellen, meine Frau und ich?

In meinem ganzen Berufsleben habe ich nur für zwei Firmen gearbeitet. Erst für Heraeus in Hanau. Da habe ich 1965 meine Mechaniker-Lehre begonnen, als 15-Jähriger, nach der Hauptschule. Drehen, Bohren, Fräsen, das war genau mein Ding damals. Dann bin ich zu Samson. Seit Anfang der 70er arbeite ich hier, mit zwei Jahren Unterbrechung, da habe ich mich zum Feinwerktechniker weitergebildet.

Wenn ich heute durch unsere Montagewerkstatt gehe, dann bleibe ich oft stehen und staune. Diese Schnittgeschwindigkeiten! Früher, da habe ich da gestanden, geschmiert und getan, und heute fliegen da die glühenden Späne. Alles ist schneller geworden, größer, vieles automatisiert. Und trotzdem: Als ich anfing, da schafften hier 800 Leute. Heute sind es mehr als doppelt so viele.

Wir produzieren Stellventiltechnik. Wann immer es um Durchfluss geht, Differenzdruck, Volumenströme, da kommen unsere Ventile und Regler zum Einsatz. In der Chemie, Nahrungsmittelproduktion, Erdöl-Industrie. Früher waren das mechanische Konstruktionen, alles funktionierte pneumatisch. Heute machen wir das auch mit Elektronik. Ein Quantensprung.

Lehre fürs Leben: Immer zu dem stehen, was man tut

Und ich habe ihn miterlebt, wenn auch nicht direkt in der Produktion. Nach der Weiterbildung bin ich hier ins Lager gewechselt, und seit 1980 leite ich es. Das war nicht immer einfach. Es ist so: Wenn du irgendwo hinkommst, als junger Kerl, dann willst du Dinge anders machen. Und manchmal auch alles auf den Kopf stellen.

Bei mir war das genauso. Ich habe erst mal umstrukturiert damals. Lochkarten weg, dafür EDV. Der Anfang war holprig. Sogar zur Geschäftsführung wurde ich zitiert, weil die Kollegen ihre Teile nicht mehr fanden. Es gab Gegenwind, aber ich habe mich durchgebissen. Ich glaube, das hat mich weitergebracht. Weil ich gelernt habe: Man muss zu dem stehen, was man für richtig hält.

Seit dem Jahr 2000 haben wir ein Hochregallager bei Samson. 30 Meter hoch, 13.500 Lagerplätze, super effizient. An der Entwicklung war ich entscheidend beteiligt. Das ist mein Baby, das absolute Highlight meines Berufslebens.

Und darauf bin ich stolz. Für mich ist dieses Lager der Beweis: Ich habe was geleistet für die Firma. Ich selbst werde bald gehen, aber das Lager hier bleibt. Die Weichen habe ich gestellt, aber den Zug fährt demnächst halt ein anderer.

Gerade arbeite ich meinen Nachfolger ein. Netter Kerl, Anfang 30, fähig. Ich habe ihm gesagt, noch bin ich da, frag mir Löcher in den Bauch. Er tut es. Aber ich merke: Der Junge wird Dinge anders machen wollen. So wie ich seinerzeit. Man könnte denken, es wäre ein komisches Gefühl, jemanden einzuarbeiten, der einen selbst ersetzen wird. Im Gegenteil: Es fühlt sich gut an.

In den letzten Monaten habe ich mich öfters gefragt, welchen Stellenwert die Arbeit eigentlich für mich hat. Mir ist klar geworden: Arbeit ist mehr als bloß schnöder Broterwerb. Sie prägt dich. Wenn man jeden Tag im Job unter Strom steht, dann hängt man das ja nicht mit der Jacke in den Spind.

Aber trotzdem: Ich bin immer gern zur Arbeit gegangen. Früher in den Ruhestand? Darüber habe ich nicht einen einzigen Tag lang nachgedacht. Vor fünf Jahren hätte ich schon gehen können, es gab ein gutes Angebot. Aber ich wollte arbeiten, solange es mir Spaß macht.

Aber es gibt eben auch ein Leben danach. Es gibt meine Frau, meine drei Kinder, mehr Freizeit natürlich. Ich bin ein früher Vogel, mein Wecker klingelt jeden Morgen um vier Uhr, gegen halb sechs bin ich im Betrieb. Zu spät bin ich in all den Jahren so gut wie nie gekommen. Einmal ist mir auf der Fahrt hierhin der Auspuff abgefallen, das war’s aber auch. Morgens bald auch mal ausschlafen zu können – darauf freue ich mich schon. Und dass jetzt die große Leere kommt, kann ich mir nicht vorstellen. Wir wollen wandern, reisen, nach Irland, in die Rhön. Einfach aktiv sein. All das nachholen, was zu kurz kommt, wenn man berufstätig ist.

Rente, Pensionskasse und das eigene Haus

Was das Geld angeht: Natürlich haben wir weniger Geld, wenn ich aufhöre. Aber wir werden gut klarkommen. Es gibt meine Rente, dazu kommt die Betriebsrente von Samson. Meine Frau hat auch gearbeitet, da gibt’s also auch was. Und wir haben privat vorgesorgt, eine Lebensversicherung wird bald ausgezahlt. Miete aufbringen müssen wir nicht, wir haben ein Haus, das uns gehört und nicht mehr der Bank. Ich finde das solide. Und auch verdient. Weil ich glaube: Wer sein ganzes Arbeitsleben in der Industrie verbracht hat, der hat doch wohl das allermeiste richtig gemacht. Auch finanziell.

Noch 32 Arbeitstage also. Mein Vater hat mir vor langer Zeit erzählt, dass er geheult hat, als er zum letzten Mal durchs Tor ging. Ich weiß nicht, wie’s mir gehen wird. Aber wenn ich wirklich auch heulen muss – dann werde ich mich nicht schämen.


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